Celibidache nimmt eine Platte auf


 

Der Taschengarten Es gibt leider viele Kinder, die keinen Garten haben. Aber sicher haben sie alle eine Schublade zuhause. Wir Kinder, die wir nicht so viel geweint haben, haben für die anderen in diesen schwarzen Rillen ein paar wahre, lustige, neue und natürlich winzig kleine Geschichten versteckt. Dieser runde Teller könnte euch eines schönen Tages, wenn ihr ihn immer in die gleiche Richtung drehen laßt, etwas finden lassen, was die Erwachsenen in ihrem Garten vergeblich gesucht haben. Das alles kocht er mit Pünktchen, Bläschen, Noten, Kleckschen, Strichchen, Pausen, mit Lachen, mit Seufzen und vielen anderen kleinen Lauten, die man ernsten Instrumenten entlocken kann, um die Bilder, die in euren Herzen wohnen, zum Leben zu bringen. Ist das Musik? Jedenfalls nicht die, wie sie die Großen machen. Flink und schnell, hält sie trotzdem nichts von Fingersätzen, auch muß sie nicht laut sein, um zu wissen, ob sie richtig ist. Aus Lächeln und Sonnenschein gemacht, kümmert sie sich nicht um morgen und würde frieren - selbst in der besten Gesellschaft - wenn man sie zwischen die Seiten eines Kataloges preßte. Wenn ihr's nicht weitersagt: In jedem Stück dieser Platte steckt eine verbotene Frucht, grün und sauer wie die vom Obstgarten des Nachbarn, die euch so gut schmecken und die die Ahnungslosen reifen lassen. Überlaßt den Großen die Sorge, herauszufinden, was nicht schön ist an dem, was wir schön finden.  ( zum Seitananfang )

Pocket Garden Unfortunately there are many kids who have no garden but they all certainly have a drawer. We, the children who didn't have to cry so much, have hidden for the others a couple of  true stories, very funny, guaranteed new, and of course tiny little. If you let this round disc turn always in the same way it could, all by itself, allow you to find in your drawer what the grown-ups were always looking for in their garden. It cooks all that with little dots, bubbles, notes, spots, dashes, holes, laughter and sighs, and many other funny little noises which serious intruments can make in order to bring to life all the things you ever dreamed of. Is that music? Anyway not what grown-ups call music. Although swift and sure of itself, never bothering with fingerings, it doesn't ever sing loud in order to know if it is in tune. Made of laughter and sunshine, never caring about tomorrow, even it would dry out when pressed between the pages of a catalogue. If you can keep a secret, I'll tell you something: Hidden in every piece of that noisy pie is a forbidden fruit - green and sour - like apples from the neighbours' tree that we like so much and the fools allow to get ripe. Leave it up to the big people, who are always worrying about what's "good for you" to find out what's wrong with that. ( up )

Satzbezeichnungen

  1. Kinder kommt rein! Come on in Kids!
  2. Meister Wind läßt Tulpen singen. Mister Wind lets the tulip sings.
  3. Enterichs Predigt. The Duck's Sermon.
  4. Ahornsamen schwirren Rätsel. Here is a Riddle.
  5. Kein Himmelsruf mehr nach der alten Tanne. Old fir tree, you're too far from the sky.
  6. Käfertanz. The Beetle's Dance.
  7. Fisches Nachtgesang, Fishes Nightsong.
  8. Besenhengst im wilden Ritt. Crazy ride on a hobbyhorse.
  9. Mein Igel, wo bist du? Hedgehog, where are you?
  10. Grünes Gebet. Green prayer.
  11. Dankgeschnatter.Aus einem Igel wurden zwei. Quacks of Tanks: One hedgehog turn into two.
  12. Es regnet in der Gießkanne. Rain in the sprinkling can.
  13. Das ist alles. That's all. ( zum Seitenanfang )
 

Spende für UNICEF

Das große Ereignis:  

32 Jahre weigerte sich der rumänische Stardirigent Sergiu Celibidache, Schallplatten aufzunehmen. Jetzt warf er sein Prinzip über Bord.

Kinderhilfswerk

Der gebürtige Rumäne Celibidache ist zweifellos einer der bedeutendsten Dirigenten seiner Generation. Und er hat - wie er jetzt bewies - ein Herz für Kinder. Um die Kinderhilfsorganisation UNICEF zu unterstützen, ist er sogar wortbrüchig geworden. Eines seiner hehrsten Prinzipien seit 1948 lautete nämlich: "Nie wieder mache ich eine Schallplatte". Jetzt ist doch eine auf dem Markt, und sie ist die vorläufig erste und möglichweise einzige Frucht des Wortbruchs: "Der Taschengarten". Celibidache dirigiert Celibidache. Das 1979 uraufgeführte Dreiviertelstunden-Werk hat er Kindern zugedacht, die keinen Spielgarten haben. Wenn der auch bei Wohltätigkeitsplatten nicht alltägliche Verzicht auf sämtliche Tantiemen - Celibidache und Mediaphon-Boß Dr. Udo Unger lassen pro verkaufter Platte den Rekord-Beitrag von fünf Mark an die Kinderhilfsorganisation UNICEF überweisen - Selbstlosigkeit beweist. so darf man doch ein Stückchen Eitelkeit, sich endlich als Komponist präsentieren zu lönnen, als legitime Eigenmotivation verbuchen. Denn der Komponist Celibidache ist, wie das vielen großen Dirigenten geht, trotz vier Sinfonien und etlichem anderem bislang eine weitgehend unbekannte Größe. Er beherrscht bestens sein Handwerk, das kann man beim Anhören des "Taschengartens" respektvoll feststellen. Im Gefolge Gustav Mahlers, Maurice Ravels und Serge Prokoffjews sind hier glänzend instrumentierte, stimmungsvolle Impressionen entstanden. Man denkt nicht gerade an den Igel, den Käfertanz und den Nachtgesang der Fische, wie es die allzu putzigen, fünfsprachig abgedruckten Texte zu den einzelnen Sätze nahelegen. Denn außer dem eingängigen Anfangs- und Schlußstück ist es nicht unbedingt Musik, die Kinder glücklich machen dürfte. Dafür ist das meiste zu getragen, zu raffiniert, zu pathetisch zerklüftet. Allerdings ist es eine Musterplatte für die Kunst des Dirigenten Celibidache. Man hört staunden, was er seit 1972 aus seinem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart gemacht hat. Man kann sich, wenn man Celibidache im Konzertsaal erlebt hat, allerdings auch vorstellen, wieviel mehr an dynamischen Werten und an Transparenz als in dieser gewiß lobenswerten Aufnahme live noch mehr drin ist. Daß die Dynamik bei den bisherigen Aufnahmeverfahren trotz ständiger Verbesserungen letztlich eingeebnet wird, war einer der Hauptgründe für den Dynamiker Celibidache, die Plattenstudios zu meiden. Wenn man seine Mozart- und Tschaikowski-Platten aus den vierziger Jahren hört, kann man die Enttäuschung verstehen. Vielleicht aber beschert die Digitaltechnis mit ihrer ungleich größeren dynamischen Bandbreite Celibidache ein spätes Damaskus-Erlebnis: Aus einem Plattenmuffel könnte durchaus ein Plattenstar werden.
Foto: Die erste Spende für UNICEF: Celibidache-Sohn Serge überreicht Dr.Veronica Carstens, UNICEF-Schirmherrin, 50.000 DM per Scheck.

(Werner Bruck in Audio September 1980)


INT 160.832

Wiederveröffentlichung anläßlich des 90.Geburtstags von Sergiu Celibidache
Anläßlich seines 90. Geburtstags veröffentlichte die Deutsche Grammophon als Schlußbaustein der DG-Edition den "Taschengarten" auf CD.

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