Rede Celibidaches zur Verleihung der goldenen Ehrenmünze der Stadt München am 21.06.1987

Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren,

ich bedanke mich für das was sie mir zeigen und bezeugen wollen aus ganzem Herzen. Ihre wunderbaren Gedanken erinnern  mich an Goethes Wort an Zelter: Denn ein herzlich Anerkennen ist des Alters zweite Jugend. So vergesse ich gerne, dass ich ein Jahr älter geworden bin und dass die schöne Zeit, die Zeit als wir das schöne wiederentdeckt und weitergegeben haben ein Ende haben muss.

Ich kann die heutige Feier und die hohe mir verliehene Auszeichnung nur symbolisch verstehen. Wir feiern heute den sichtbaren, bekannten und vermuteten Grund eines musikalischen Unternehmens, einen Ast aus der schönen Krone eines uns allen teuer gewordenen Baumes. Ich kann nicht einen Augenblick nicht an den tatsächlichen Träger dieser Entwicklung denken, meine philharmonischen Brüder, diese so oft beneideten Wenigtuer, die hörbaren Meister und eigentlichen Schöpfer mancher magischen Offenbarung, ohne deren bedingungslose Bereitschaft und anregende Zusammenarbeit absolut nichts möglich gewesen wäre und mit denen ich heute von ganzen Herzen alles teilen möchte.

Zahlreich waren die beschützenden Einflüsse und inspirierenden Hintergründe die ich als wohltuende Kraftquellen empfand und die mir die notwendige Gewissheit auf dem Weg zur erstrebten Leistung gegeben haben. An dieser Stelle möchte ich das Vertrauen des Stadtparlaments erwähnen. Bis heute habe ich nicht verstanden, wie sich unsere Stadträte, die, wie wir später erfuhren, nicht unbedingt eifrige Konzertbesucher waren, damals auf den Namen Celibidache, dem eine madige Pressekampagne vorauseilte, einigen konnten. Ich bin glücklich, dass auch diejenigen die noch nie ein Konzert von uns gehört haben heute mit Berechtigung sagen können, wir sind immer dabei gewesen.

Meine Beziehungen zum Orchester, die ich gerne als sehr harmonisch bezeichne, haben sich wie durch ein Wunder auf unser Publikum übertragen. Ich denke mit großer Dankbarkeit an diese Entsprechung. Wir haben alle erlebt, dass einigen eingeweihten Kreisen die Tatsache nicht recht war, dass sich in München im Laufe der Zeit ein gewisses Celi-Publikum gebildet hat.

Dass eine allmähliche Emanzipation der Konzertbesucher der sogenannten Fachpresse gegenüber, trotz unermüdlichen Bemühungen und zerstörerischen Absichten, stattgefunden hat war unvermeidlich und ist für mich und  für meine Arbeit eine wunderbare Belohnung. Wir glauben alle nicht so recht an die Zahnschmerzen einer stummen Säge und noch weniger an die Mühe der ehrgeizigen Glatze die gerne Locken drehen möchte.

Wir waren in den diesen letzten Jahren mit schwierigen Problemen konfrontiert. Das ist der Wunsch des alten Geburtstagskindes: Probleme die keiner gewollt hat, die aber alles erschwert, getötet und verlangsamt haben, diese unvollendete Sinfonie der Unbeständigkeit und Unzuverlässigkeit die wir alle in- und auswendig kennen, möchten wir Philharmoniker nicht wieder spielen.

Ich sehe diesen Gegensatz, diesen für mich so dramatischen Gegensatz von den in München in der letzten Zeit so viel die Rede ist, nicht. Auf der einen Seite die Stadt, die Verwaltung auf der anderen Seite die Philharmoniker. Wieso gibt es zwei Seiten? Wo ist der Gegensatz? Was bringt uns auseinander? Was will die Stadt, was die Philharmoniker nicht wollen. Wollte die Stadt nicht ein Weltorchester? Wir auch! Wer kann bestreiten, dass die Philharmoniker ohne einen Augenblick lang zu vergessen was sie tun, denn sonst wäre dies alles nicht möglich gewesen, das schönste für Ruhm und Ehre für ihre Heimatstadt geleistet haben. Und wie wäre das alles ohne die volle Unterstützung der verantwortlichen Vertreter der Stadt, die schließlich eine künstlerische Einstellung voraussetzt, möglich gewesen. Wo sind die zwei Seiten?  Auf welcher Seite ist die Idee die uns alle beseelt hat und auf welcher Seite ist die Verwirklichung, für die wir alle gemeinsam gearbeitet haben. Nein, meine Damen und Herren, die Philharmoniker sind die Stadt und die Stadt spielt, wenn auch mit verschiedenen fraktionsbedingten Fingersätzen ab und zu Orchester. Das ist die Wahrheit. Die einzige die ich kenne. Ich weiß nicht, ob es mir in diesem Leben noch gelingen wird, diejenigen, die diese Spaltung für eine bestehende Realität halten, vom Gegenteil zu überzeugen. Auf alle Fälle, wenn ich gefragt würde,  auf welcher Seite ich sei, würde meine Antwort immer heißen, auf der Seite Münchens.

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