Benefizkonzert mit den Berliner Philharmoniker 


 Benefizkonzerte der Berliner Philharmoniker unter Sergiu Celibidache
Mit dem Gefühl der musizierten Ewigkeit

"Darauf hatte das Musik-Berlin jahrzehntelang angewartet: Die Rückkehr Sergiu Celibidaches ans philharmonische Pult, an dem er am 29. August 1945, Berlin lag in Schutt und Asche, seine erratische Karriere begann. 414 mal hat Celibidache das Berliner Philharmonische Orchester dirigiert. Bis er nun auf Einladung des Bundespräsidenten zum 415. Male vor seinem altenOrchester stand, mußten betrüblicherweise 37 Jahre vergehen: eine unerklärliche, eine unverständliche Pause.

In zwei Benefizkonzerten, die im Schauspielhaus eine Rekordsumme von mehr als 410 000 Mark zugunsten rumänischer Kinderheime einbrachten und von Sony glücklicherweise auch als Dokument für den Video-Vertrieb aufgezeichnet, dirigierte er Bruckners Siebte Sinfonie. Und setzte damit nun auch in Berlin zwar nicht so etwas wie Sommerzeit, wohl aber die unverrückbare Celibidache-Zeit musikalisch in Kraft.

Für die Aufführung der E-Dur Sinfonie benötigte Karajan rund 65 Minuten, Giulini 67, Chailly und Jochum 69, Maazel 74 Minuten. Celibidache dagegen forderte für seinen ebenso gewaltigen, wie gemessenen Vortrag des Stückes etwas über anderthalb Stunden. Was unter seinen Händen erklang, war, leicht nachprüfbar, zweifellos dieselbe Musik; aber Wunder über Wunder, keinen Takt lang die gleiche.

Sechs Proben hatte Celibidache gefordert - und auch bekommen: ein Zeitaufwand, zu dem sich die Philharmoniker sonst nicht gern hinreißen lassen und schon gar nicht bei einem ihnen angeblich längst in Fleisch und Blut sitzenden Stück. Celibidache aber machte den Musikern deutlich, daß Fleisch nicht einzig Sitzfleisch bedeutet und Blut nach wie vor ein ganz besonderer Saft ist.

Dirigieren heißt für ihn nichts anderes, als musikalische Aufklärungsarbeit leisten. Dazu braucht es innere Zuwendung, Muße, Versenkung, Erleuchtung. Celibidache wies im Grunde einzig nach, daß die Zeit der Durchreise-Auguste am Dirigentenpult längst vorbei ist.

Auch die Philharmoniker, eingesponnen in ihr Netz aus kommerziellen Verpflichtungen, empfanden das wohl und vielleicht seit langem wieder zum ersten Mal. Sie baten Celibidache nach einer Probe zu einem Gespräch unter vier Augen über Musik, zu dem sich an die vierzig Musiker einstellten, ein Drittel des Orchesters also, und anderthalb Stunden lang ging der Dialog hin und her

Er mündete in den Wunsch, Celibidache regelmäßig jede Spielzeit am philharmonischen Pult in Berlin wiederzusehen. Die innere und äußere Harmonie zwischen dem Orchester und dem Maestro war vollkommen, und die übertrug sich natürlich auf das Konzert. Es wurde in Andachtshaltung gespielt. Es wurde in Andachtshaltung empfangen.

Der Bundespräsident hatte in einigen das Konzert einleitenden Worten bereits von Celibidaches,bewunderungswürdiger Integrität gesprochen, und die ging nun voll in den wahrhaft altmeisterlichen Vortrag der Sinfonie unter Celibidache ein. Auf seinem Dreifuß saß er, mit den vogelähnlich schwarzzipfelnden Frackschößen zu beiden Seiten des Stuhls, wahrhaftig da wie eine weise, weißhaarige, aufs Konzertpodium verschlagene männliche Pythia, hineinhorchend in die Abgründe der Musik und sie in klaren, ruhigen deutlichen Zeichen beschreibend.

Das Orchester folgte ihnen mit Aufmerksamkeit, Hingabe, in aller erdenklichen Schönheit. Wie ein bloßer Verdacht auf Musik, im äußersten Pianissimo der sirrenden hohen Streicher, hob die Sinfonie an. Immer wieder wurden die kontrapunktischen Künste Bruckners mit Sorgfalt und Bedacht, geradezu wie auf des Messers Schneide, ausgestellt. Kein Musikrausch wurde entfesselt. In äußerstem Moderato entfalfete sich das Allegro, das eher schon einem sehr getragenen Andante glich. Doch Furchtlosigkeit vor der Gefahr, Langeweile zu säen, zeichnet Celibidaches unverwechselbare Kunst seit langem schon aus.

Sehr langsam werden die Steigerungen angegangen und  aufgebaut. Das schwere Blech wächst auf diese Weise den Höhepunkten entgegen, ohne je brüllfreudig loszudonnern. Celibidache gibt dem Klang volle, unverknauserte Majestät, ebenso wie er, zumal im ungeheuren Adagio, das Gefühl ausmusizierter Ewigkeit aufkommen läßt. Die gemessenen, im Trauerschritt vorbeiziehenden Fortschreitungen geben überdies den Orchestersolisten wundervolle Gelegenheit, sich zu artikulieren.

Nie allerdings haben Celibidaches musikalische Ansichten ähnlich zu überzeugen verstanden wie jetzt am Pult seines alten Orchesters, in dem freilich nur die wenigsten je zuvor unter seiner Leitung gespielt haben dürften. Es ist schon traurig, gleichzeitig aber auch bedenklich und bedenkenswürdig, daß ein Mann seines Kalibers dem zweifellos bedeutendsten Orchester Deutschlands erst jetzt zurückgekehrt ist.

Am Schluß ertönte ein vorwitzig schnelles Bravo, durchaus fehl am Platz. Danach war wieder Stille im großen Saal. Ein Mini-Applaus; auch er wieder verstummend. Madame Frustration, die böse Konzertsaal-Fee, kreuzte mit ihren schwarzen Fahnen durchs Schauspielhaus. Dann endlich aber löste sich die Spannung zu unendlichem Jubel und Dank, den Philharmonikern und dem Mann an ihrer Spitze aus vollem Herzen aufs ehrlichste dargebracht: Sergiu Celibidache, dem musikalischen Spätheimkehrer.

(Klaus Geitel, Berliner Morgenpost 2,4,1992)
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Verehrter und lieber Maestro Celibidache
es ist mir ein großes Bedürfnis, Ihnen von Herzen Dank zu sagen für die unvergleichlichen Aufführungen der 7. Bruckner Symphonie mit dem Berliner Philharmonischen Orchester.

In diesem Fall ist es weder nötig noch auch nur möglich, viele Worte zu machen, denn Konzerte und Musik haben vollendet für sich selbst gesprochen. Das ist Ihr Werk, der Sie eine tiefe innere Kraft über Menschen und Noten haben. Die Gefühle von uns Zuhörern waren gewaltig, am zweiten Abend gegenüber dem ersten sogar noch gesteigert. Ich bin sicher, daß Sie selbst das gespürt haben. Sie haben es fertiggebracht, daß im Anfang des Bruckner sein Ende lag und im Ende der Anfang. Zeit verlor vollkommen ihre Bedeutung. Die Materialisierung der Partitur durch das von Ihrer Willenskraft angeleitete und inspirierte Orchester grenzte an die vollkommene Erfüllung, die nur so selten erreichbar ist.

Für die vielen Strapazen - geistige und körperliche -, die Sie um dieser Konzerte willen auf sich genommen haben, sei Ihnen aus vollem Herzen gedankt. Die Aufführungen waren ein Ereignis und werden es vor der Musikgeschichte bleiben.

Ich freue mich sehr, Sie schon bald in Sevilla wieder zu sehen.
 
Mit herzlichen Grüßen
Richard von Weizsäcker
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