Strawinsky
Celibidaches Begeisterung für Strawinsky nahm im Laufe der Jahre
ab. So meinte er zum Beispiel, wenn man im "Sacre du printemps" Teile wegließe,
habe dies keinen spürbaren Einfluß auf das Ganze. Nichts steht
wohl so im Gegensatz zu seinem Motto, das Ende sei im Anfang enthalten
(trotzdem ist es schade, daß aus den Münchner "Sacre"-Plänen
nie erwas wurde). Die einzigen Werke Strawinskys, die er in den letzten
20 Jahren dirigierte, waren "Der Kuß der Fee", die "Feuervogel"-Suite
(in der Fassung von 1923) und die "Psalmensinfonie". Die beiden ersteren
liegen nun auf CD vor. "Le Baiser de la fee" (1928) ist ein ganz eigenartiges
Werk: Die "überaus hintergründige Tschaikowsky-Phantasmagorie"
(Adorno) stellte Strawinsky zum überwiegenden Teil aus Klavierstücken
und Liedern Tschaikowskys zusammen, ihr besonderer Reiz besteht in einer
bewußt ironisierenden Distanz, gepaart mit einer für Strawinsky
ungewöhnlichen klanglichen Liebenswürdigkeit. Daß dies
"Celi" entgegenkommt, ist evident, sein Spaß am lakonischen Humor
dieser Petitesse unüberhörbar (Aufnahme ebenfalls 1976). Die
Suite aus "LOiseau de feu" - "Primitive Takt- und Rhythmuswechsel, damit
auch der Dümmste mitbekommc, daß etwas Neues begonnen hat" (Celibidache)
- bekommt, was ihr gebührt: Die "Danse infernale" erweist sich ebenso
als wirklich infernalisch, wie die "Berceuse" nach dem Höllenlärm
zum Ausgleich wird. Besonders gelungen das Riesen-Crescendo des Finales,
wo Celibidache im Gegensatz zu nahezu allen seinen "Kollegen" sein Pulver
nicht zu früh verschießt und die Innenspannung bis zum triumphalen
Schluß hält (Aufnahme von 1978).
Rimsky-Korssakoff
"Scheherazade" - was für ein Stück und welch gefundenes Fressen
für "Celi" und sein gerade hier zu Hochform auflaufendes Orchester
mit dem wunderbaren Märchenerzähler Hans Kalafusz am Konzertmeisterpult!
Ganz anders als Leopold Stokowski oder gar Fritz Reiner in ihren Referenzaufnahmen
geht man hier nicht mit einem dramatischen, sondern mit einem epischen
Ansatz an die vier Sätze heran, der Erzählduktus des Werkes wird
nie verlassen, zu den gewaltigen Höhepunkten konsequent nicht aus
dem programmatischen, vielmehr aus dem musikalischen Verlauf hingeführt.
Unvergeßlich (neben der unglaublichen Durchhörbarkeit noch der
kleinsten Nebenstimme - sofern sie thematisch wichtig ist) vor allem zwei
Momente: die filigrane Zartheit des rhythmischen Mittelteils im dritten
Satz und die körperliche Sogwirkung des Schiffsuntergangs im Finalsatz.
Nach dem niederschmetternden Höhepunkt führt der Meister der
Übergänge sein Orchester wie selbstverständlich in die Erzählhaltung
des versöhnlichen Abschlusses hinein, der Bilderbogen schließt
sich, die Vielfalt wurde zur Einheit. Die technisch exquisite Aufnahme
aus dem Jahre 1982 dokumentiert das Ende der Stuttgarter "Celi"-Ära,
danach konzentrierte er sich ganz auf die Münchner Philharmoniker.
Prokofieff
Sergej Prokofieffs Werke kamen dem Rhythmiker Celibidache ebenso entgegen
wie dem Melodiker, auch sein oft sehr sarkastischer Witz scheint ihn gereizt
zu haben. Zunächst zu der Bonus-CD mit drei Stücken aus dem Ballett
"Romeo und Julia": Wie nahezu alle bedeutenden Prokofieff-Dirigenten hatte
auch er sich eine eigene, etwa 45minütige Fassung aus den Suiten zusammengestellt.
Daß nur drei Stücke daraus veröffentlicht wurden, ist nicht
verständlich, das Werk inspirierte "Celi" auch in seiner Münchner
Zeit noch zu mitreißenden Aufführungen, vor allem bei Tourneen.
Die älteste Aufnahme in dieser Box (1975) konfrontiert uns mit der
in den Jahren 1914/15 entstandenen "Skythischen Suite", einem Stück
zwischen äußerster Zartheit in den Nachtstimmungen des Andantinos
und rabiater Brutalität. Celibidache läßt sich hier auf
eine Gratwanderung ein - alles wird ins Extreme gesteigert und verfeinert.
Den polytonalen, heute noch quälend-verstörenden Schlußsatz
mit dem "(Cortege du Soleil" als Krönung hat man so wohl noch nie
gehört. Die Fünfte Sinfonie (Aufnahme 1979) ist sicher eines
der ganz großen sinfonischen, architektonisch überzeugenden
Meisterwerke der russischen Musik. Im Vergleich zurr zwölf Jahre früher
entstandenen Aufnahme mit dem RAI-Orchester Mailand läßt die
Fülle des Orchesterklangs alle vier Sätze besser atmen, die Durchhörbarkeit
und selbstverständliche Logik der Anlage sind absolut überzeugend.
(Ludwig Robeller in FonoForum August 1999)