CD-Kritiken
FonoForum:...Was nun erwartet den Hörer ganz konkret? Für Celibidache-Neulinge, die sich wohl ohnedies für die komplette Box entscheiden werden, empfiehlt sich als Einstieg die nicht einzeln erhältliche Bonus-CD mit Bartoks Konzert für Orchester (Probenmitschnitt und Konzert). Was hier demonstriert wird, ist der Prozeß der peniblen, gewissermaßen geheimnislosen Ausleuchtung einer Partitur bis in ihre letzten Winkel. Celibidache duldet nichts Vages - wenn bei ihm ein Misterioso- Effekt entsteht, wenn Klangflair hergestellt wird, dann auf der Grundlage höchster Bewußtheit. Um diesen Vorgang noch genauer zu verstehen, sollte man die Debussy--Beispiele heranziehen - Celibidache, im Bedarfsfall ein gefürchtet strenger Orchestererzieher, hatte seine Münchner Musiker von Anfang an daraufhin gedrillt, die eigene Instrumentalstimme bewußter als zuvor im Klangkontext des gesamten Ensembles zu hören. Auch hier findet man also keine nebulöse Klangmagie, sondern eine luzide Durchdringung komplexer Schichtungen und diffiziler rhythmischer Elemente. Diese Formulierung klingt vielleicht ein wenig nüchtern, als ginge es um den mittleren Pierre Boulez; doch in welchem Maß eine solche - im Grunde ja äußerst strenge - Haltung durch konsequente Intensivierung zur lustvollen Ekstase getrieben werden kann, zeigt sich spätestens bei Ravels Bolero, den Celibidache im Lauf der Jahre immer puristischer anlegte und dabei immer mehr zum Wesenskern dieses exzentrischen Stückes vordrang. Nicht ganz so einfach scheint mir die Bewertung der russischen Sektion. Celibidache bietet mit der fünften und sechsten Symphonie von Tschaikowsky slawisches Schwergewicht, düster und ernst getönt, frei von jeglichem Larmoyanzverdacht. Was mir ein wenig fehlt, ist der Aspekt flirrender Nervenkunst, wie man sie an guten Abenden bei den St. Petersburger Philharmonikern unter Temirkanov erlebt, oder die schmerzhafte Aggressivität, wie sie seit einigen Jahren in der "Sechsten" von Claudio Abbado vorgeführt wird. Am besten begreift man den slawischen Stil des Sergiu Celibidache wohl bei Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung": Charakterbilder jenseits aller Genrehaftigkeit werden da aufgebaut, monumentale Skizzen, in denen selbst der stolpernde Gnomus seine Würde behält und dem bettelnden Juden eine tragische Dimension erwächst. In der Gruppe Mozart- Haydn- Beethoven- Schubert kann man vor allem Celibidaches extremes Streben nach formaler Schlüssigkeit studieren. Hier geriert er sich als Nachschöpfer eines jeweiligen musikalischen Kosmos, entwickelt Klang-Architekturen, läßt Organismen wachsen, zeichnet Motivmetamorphosen nach. Was diesen Lehrstücken kluger Partituranalyse indes teilweise abgeht, ist das Element der Dramatik. Ein letzter Blick auf das romantische Repertoire. Hier wird man neben intensiver Schumann-Exegese die eigentliche Überraschung der Kollektion finden: Celibidache, der notorische Opernverächter, dirigiert Wagner. Und zeigt dabei den Pragmatikern des Opernalltags, wie schlampig sie mit Wagner oft verfahren. Celibidache wagt Tempi, die jedem anderen die Spannung unter dem Taktstock zerbröckeln ließen-doch er hält diese Spannung. Er baut einen Mischklang auf, der die Homogenität der Bayreuther Festspielhaus-Akustik mit der Klarheit seines analytischen Denkens zu verbinden scheint. Und er inszeniert die Trauermusik aus der "Götterdämmerung" mit einer derart archaisch- erschütternden Größe, daß man danach nur noch eine längere Hörpause einlegen kann. Die Aura der Ära Celibidache - hier wird sie selbst in der Tonkonserve Ereignis. (Klaus Bennert FonoForum)
Neue Züricher Zeitung:..... Da kann man nur staunen. Staunen über die technische Präzision und die klangliche Schönheit, welche die Münchner Philharmoniker hören lassen - der Ruf, daß dieses Orchester in den sechzehn Jahren mit Sergiu Celibidache zum ersten Klangkörper Deutschlands neben den Berliner Philharmonikern aufgestiegen ist, bestätigt sich eindrücklich. Und wer sich auf die Eigenheiten dieses Dirigenten einlässt, kann wahre Wunder erleben. Weniger im Bereich der Wiener Klassik. In der Sinfonie in Es-Dur (Hob. I:103} klingt Joseph Haydn ziemlich altväterisch; in der langsamen Einleitung zum Kopfsatz gerät die Beziehung zwischen den führenden Melodietönen und den nachschlagenden Begleitakkorden aus den Fugen, und im behäbigen Scherzo ist keine Spur mehr von der Herkunft dieses Satztypus aus dem Tanz zu vernehmen. Auch die Wiedergabe der g-Moll-Sinfonie von Mozart wirkt in ihrer breiten Flächigkeit etwas angejahrt - auch wenn hier gut zu verfolgen ist, was durch die sorgfältige Ausformung der Lineatur erzielt werden kann. Voll in ihrem Element sind die Münchner Philharmoniker und ihr Chefdirigent jedoch bei der Musik der Spätromantik: bei den Sinfonien Nr. 5 und 6 von Tschaikowsky und bei Orchestermusik von Wagner. Das Meistersinger-Vorspiel zum Beispiel: getragenes Tempo und jene weiche, nie auf den knalligen Effekt setzende Tongebung, die Celibidache generell pflegt, führen hier zu einem feierlichen Glanz ohne teutonischen Anstrich (und damit ohne Bezug zu einer problematischen Phase der Rezeptionsgeschichte} und gleichzeitig zu einer ganz natürlichen Wirkung der verschachtelten Polyphonie, die Wagner einsetzt. Für Debussys Tondichtung'La Mer' sind die Münchner Philharmoniker mit ihrem dunklen, grundtönigen Klang vielleicht nicht das geeignete Instrument, aber das Konzert für Orchester von Bela Bartok erfährt eine zugleich kristallklare wie opulent geschmeidige, virtuose wie von Gefühl durchglühte Wiedergabe. Diese Aufnahme bekommt allerdings nur zu hören, wer sich die erste Serie der Edition a1s Ganzes ersteht (die Compact Discs sind alle auch einzeln zu haben). Er erhält dabei Gelegenheit, postum an einer der (in der Regel öffentlich durchgeführten} Proben teilzunehmen und zu erfahren, wie ausführlich Celibidache zu seinem Orchester gesprochen und wie rational er seine Anweisungen begründet hat. Von einem Wirken als 'Magier und Tyrann', wie es gerne hieß, kann bei Sergiu Celibidache zuletzt die Rede sein. (Peter Hagmann Neue Züricher Zeitung 10.12.1997)
Frankfurter Allgemeine Zeitung: ....Überwältigend ist sehr oft die Dichte des Klangs wie des Beziehungsgeflechts. Nie gibt es da ein simples Melodie-plus-Begleitung Schema, flotte Steigerungen zu Schmetter-Höhepunkten, das Baßfundament ist stets kräftig, ebenso die polyphone Interaktion, der Puls ist stark, die Stimmen sind nach Linie wie Farbe oft unglaublich suggestiv-sublim aufeinander bezogen. Alles tönt bedeutungsvoll, schwer, ernst, transparent, und mit kantabler Wärme sind selbst Nebenstimmen sorgfältig "abphrasiert". Mögen auch manche Schildkröten-Zeitmaße irritieren, ja lähmen, bei Debussys "La Mer" und "Iberia" vernimmt man wahre Wunder an Gleichzeitigkeit komplexer Verläufe und Farbentwicklungen. Da versteht man, warum Celibidache viel Probenzeit brauchte, sich Zeit für die Entfaltung der Musik nahm. Andererseits sind die Kopfsätze von Haydns "Oxford"- und "Paukenwirbel"-Sinfonie, auch die Ecksätze von Mozarts g-Moll-Sinfonie alles andere als nur behäbig. Da kann man, selten genug, hören, daß die Münchner Philharmoniker auch der kurz-spitzen Staccato-Artikulation fähig waren. Wo lagen Celibidaches Grenzen? Wer glaubt, daß im Zeichen des Zen alles je bei sich, Werden und Sein identisch sind, trotzdem Wachstum gleichsam ins Unendliche führt, der wird sich mit dynamisch gerichteter oder latent theatralischer, zumindest "realistisch" gestikulierender Musik schwer tun. Beethoven (Vierte, Fünfte) beispielsweise klang schlicht langweilig-gepflegt, kantabel-gerundet um jeden Preis; alles Schroffe, die jähen Umschwünge schienen getilgt. Hinzu kam Celibidaches Abneigung gegen die obligate Wiederholung von Expositionen, gespeist aus dem Glauben ans ewige Werden. In einigen Fällen läßt dies immerhin am Architektur-Verständnis zweifeln. Wenn er in Schuberts großer C-Dur-Sinfonie sogar die vorgeschriebenen Wiederholungen in Scherzo wie Trio wegläßt, fängt die Barbarei an. Und das Furtwänglersche Über-Rallentando in der Kopfsatz-Coda wirkt eher komisch. Frappierend ist dafür der Werk-Schluß: keine martialische Apotheose, sondern, partiturgetreu, nur forte, sogar mit decrescendo, und ohne Fermate - statt Triumphbogen rasches Wegdämmern. Für Tschaikowski hatte Celibidache eine glückliche Hand, wenn auch nicht gerade für die Verve des Opern- und Ballett-Komponisten. Die Fünfte war stets ein Paradestück, und die Romeo und Julia-Fantasieouvertüre entfaltet trotz elefantuöser Dauer unerhörte Sogkraft. Heikel ist dafür ein anderes Favorite: Mussorgski-Ravels Bilder einer Ausstellung klingen durchweg zu behäbig-getragen, vor lauter Edel-legato verliert schon die Promendade ihren Sinn. Erst recht die Wagner-Platte demonstriert fast nur noch Musik im Stillstand. Und bei Bartöks Concerto gibt es zwar berückende Klang-Amalgame; doch der eigentlich "konzertante", darin auch virtuose Zug, kommt zu kurz. Ebenfalls vernachlässigt sind manche charakteristischen Taktwechsel: epische Verklärung der Verklärung. So wie am Klavier zu viel Pedal alles verschwimmen, zu wenig Pedal den Klang dürr, also auch wieder unplastisch werden läßt, so können ruhige, an der "idealen " Aufführbarkeit orientierte Tempi zwar der Deutlichkeit dienen, im Extremfall aber rhythmische und harmonische Bewegungen (Scherzo-Trio von Schumanns Vierter) unkenntlich machen. Trotzdem ist der Wert dieser Aufnahmen beträchtlich: Immer wieder lehren sie, in die Stücke neu hineinzuhorchen. Auf den lang lärmenden Applaus nach und sogar vor den Stücken könnte man verzichten; manche Texte sind arg hagiographisch. Da wird versucht, eine Aura leibhaftiger Ergriffenheit zu erzeugen. Dabei konnte Celibidache sehr wohl auch ein Zyniker sein. (Gerhard R. Koch Frankfurter Allgemeine Zeitung 25.11.1997)
neue musikzeitung: ....Auf der anderen Seite wirken die CDs mit Debussy und mit Mussorgsky/Ravel geradezu umwerfend überzeugend. Der Bolero ist einer der langsamsten und zugleich intensivsten der Interpretationsgeschichte: die Kunst des Hinhaltens, des Auskostens, des langsam anwachsenden Steigerungsdrucks in geradezu magischer Vollendung. Und bei Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" oder in Debussys "Iberia" (ähnlich auch bei Tschaikowsky, Bartok und Wagner) entwickeln die Bläser, insbesondere das Blech wurde unter Celibidache zu neuer Klangblüte geführt, unvergleichliche Leuchtintensitäten. Auch wenn die CDs nur Photographien eines Ereignisses sind, hier transportieren sie die Überzeugungskraft, auch wenn diese ihre Wurzeln in Bereichen hat, die diesem Medium entgegengesetzt sind. Ich muß zugeben, daß meine Skepsis gegenüber dieser Edition, die mit Celibidaches Ablehnung des Mediums CD korrespondierte, einer Anerkennung der editorischen Leistung gewichen ist. Vielleicht ist es so, wie es auch am zeitgenössischen Komponieren zu beobachten ist. Ästhetische Qualität bekundet sich nicht zuletzt in einer Sperrung gegenüber verwertungsgerechte Anpassungen. Raumaspekte, dynamische und zeitliche Dimensionen, Körperlichkeit, visuelle Präsenz und manch anderes schaffen Barrieren gegen schnelle und massenhafte Vernutzung, gerade im Abarbeiten dagegen entwickelt sich Gewicht der Aussage. Daß es das Medium dann dennoch schafft, davon einen in sich stimmigen Eindruck zu vermitteln, ist dann ein zweiter Schritt, der nicht direkt in die Authentizität des Tuns eingreift. Klarstellen des Unterfangens, auch über mitgelieferte Texte und Denkansätze, erfüllen hierbei eine wichtige Funktion und EMI hat die einzelnen CDs mit unterschiedlichen Beiträgen versehen, die aus verschiedenen Blickwinkeln über Celibidaches Ansätze reflektieren. (Reinhard Schulz neue musikzeitung Ausgabe Februar 1998)
stereoplay: .....Die teilweise vom Bayerischen Rundfunk (Schumann), größtenteils aber von nicht genannten Menschen im Münchner Gasteig mitgeschnittenen Bänder hinterlassen unterschiedliche Eindrücke. Trotz nervender Hust-Orgien ist der sehr dichte Klang akzeptabel, wenn man auch heutzutage wesentlich besser ausgeleuchtete Klangpanoramen gewohnt ist. Die Interpretationen sind weder alle "überirdisch" noch sind sie alle "unterirdisch" - naheliegende Urteile bei diesem so polarisierenden Dirigenten. Licht und Schatten liegen bis in einzelnen Sätzen eng beieinander. Mozarts große g-moll Symphonie wirkt in dem erstaunlich schnell genommenen ersten Satz zu beiläufig, zu klein; der ans Herz rührende langsame Satz dagegen überdehnt, überschwer. Die Haydn-Symphonien haben zuwenig Drive, zu wenig Witz, die Spielfreude scheint in den ebenmäßigen Pulsen einzugehen. Schubert große C-Dur Symphonie wirkt beinahe schon blutarm. Bei Beethoven überzeugt die penible Detailarbeit, im Großen und Ganzen aber tönt das zu schön aufgeplustert und zu wenig markant - die Innenspannung eines Carlos Kleiber bei der Fünften (DG) erreicht Celibidache nicht. Dehnung ist eben nicht gleich Spannung. Doch die teilweise extrem breiten Tempi - der Kopfsatz von Tschaikowsky "Pathetique" dauert geschlagene 25:12, der nicht gerade für Rasanz bekannte Giulini (DG) schafft ihn in 18:42 - bieten den Raum für "magische Momente". Und die bietet die Edition eben auch - zuhauf. Bei Tschaikowsky erreicht Celi eine Intensität, die ihresgleichen sucht. Der eindringliche Schlußsatz der "Pathetique" drückt einen förmlich in der Hörsessel - grandios. Grandios gelingen auch einige Kolorieerungen in Debussys "La Mer", viele subtile binnendynamische Feinheiten bei Schumann und die meisten Farbmischungen bei Wagner. Das alles läßt auf einen grandiosen Bruckner (angekündigt als eigene Box) hoffen. (Lothar Brand stereoplay Ausgabe Februar 1998)