Der besiegte Plattenfeind

Der größte Plattenfeind in der Geschichte des Mediums scheint besiegt. Durch eine auf mehrere Folgen angelegte CD-Edition, die alle Fragen seiner Musikphilosophie untergräbt, aber zugleich auch neu stellt. Wo liegen die Grenzen der CD? Welches Vermächtnis gibt uns Sergiu Celibidache auf den Weg?

Dreck im Safe", titelte das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Auch das versammelte deutsche Feuilleton konnte sich der Häme nicht enthalten, als die EMI mit einer Sensation an die Öffentlichkeit trat: Celibidache (1912-1996) ist käuflich, auf CD greifbar und entweihbar. Die ersten CDs stehen in diesem Monat in den Läden, zwei weitere Boxen (darunter Celis Bruckner) werden folgen. Der Celi-Sohn hat sein Erbe kaum ein Jahr nach Vaters Tod an die künstlerischen Feinde des Maestros ausgeliefert. Wer die Dinge weniger emotional betrachtet, sieht eine andere Wahrheit. Einer der großen geheimnisvollen Sätze des gläubigen Buddhisten Celibidache besagt, daß auch in der Musik "der Anfang im Ende" liege. Den "Anfang" seiner CD-Karriere suchte Celibidache selbst, als er im Februar 1948 in die zum EMI-Studio umfunktionierte Zwölf-Apostel-Kirche Berlin ging und gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern Prokofieffs "Symphonie Classique" einspielte. Der 35jährige wird damals zweierlei erkannt haben: das (Mono-)Medium rumpelt, rauscht und reduziert die Musik auf Konservenformat, zum anderen ist in einem Aufnahmestudio nicht der Maestro Herr über das künstlerische Geschehen. Für den aufbrausenden Rumänen war damit das Feindbild der "tönenden Pfannkuchen" besiegelt. Als psychologisch interessantes Detail sollte zudem die beginnende Plattenkarriere des ungeliebten Karajan nicht unterschätzt werden. So mußten mit Celibidaches Amtsantritt an der lsar (1979) auch die Münchner Philharmoniker das Aufnahmestudio meiden. Dabei hatte Rudolf Kempe die Musikergemeinschaft kurz zuvor zu einem immerhin beachtlichen Ensemble im Dienste der EMI geformt. Nach dem Tod Celibidaches stehen die Philharmoniker nun vor der größten Krise ihrer Geschichte: Man hat den Anschluß an die Zeit und die Welt verpaßt. Das Leben in der Legende, im selbstgewählten Reservat der Live-Präsenz drängt die Philharmoniker an den Rand des Musik-Geschäfts. Dabei sind die Einnahmen aus CD- Produktionen heute nötiger denn je. Was auch der große alte Charismatiker gewußt haben wird. Denn Celibidache soll - bei aller Kritik - eine sehr ausgeprägte soziale Ader besessen haben. Für das Wohlergehen der (Künstler- und Privat-)Familie hat Celi über sein Grab hinaus gesorgt - durch Live-Mitschnitte, die mit seinem Wissen entstanden sind. Wie es dazu kam? Darüber mehr auf den folgenden Seiten. Was daraus wird? Sicherlich das beste Faustpfand der Münchner Philharmoniker für die eigene Medienzukunft und das schönste Hochzeitsgeschenk, das sich vor der geplanten Vermählung mit dem CD-Millionär James Levine denken läßt. (Andreas Günther FonoForum Dezember 1997)

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