Interview: Serge Ioan Celebidachi
"Ich wollte nicht zu lange warten"

"Mach, was Du willst": Der erklärte Plattenfeind Sergiu Celibidache hat seinem Sohn ein schweres Erbe überlassen. Serge loan Celebidachi, Eilmregisseur und Medienmann, hat sich für die Veröffentlichung der Livemitschnitte mit den Münchner Philharmonikern entschlossen - gegen den tieferen Willen seines Vaters?

FONO FORUM: Bekommen Sie böse Briefe? Werden Sie als "Verräter" am geistigen Erbe Ihres Vaters beschimpft?
CELEBIDACHI: Nein. Alle Briefe bestärken mich in meiner Entscheidung. In der Presse habe ich ein paar böse Artikel gelesen. Aber momentan scheinen auch da die positiven Meinungen zu überwiegen. Für mich bestand keine andere Möglichkeit...
Warum nicht? Sie hätten einfach Nein sagen können.
Mein Vater hat kein Testament hinterlassen. Für ihn war die Frage nicht von Interesse. Für mich ist das etwas anderes. Ebenso wie er in der Musik nie sagte, "das muß so und so gespielt sein". Der Musiker muß seinen Weg innerhalb des Orchesters finden und seine Wahrheit einbringen. Und so ist es auch hier: Ich sollte das selbst entscheiden. Ich habe ihm gesagt, da ß dies sehr schwer würde. Aber wir haben nicht sehr oft über dieses Thema gesprochen. Denn ich habe gesehen, daß er nicht sehr froh über die Fragen war.
Ist es nicht auch vorstellbar, daß Ihr Vater mit dem Nichtverbot der Veröffentlichungen auch an Ihren Lebensunterhalt gedacht hatte?
Wenn er das gedacht haben sollte, dann hat er es mir nie mitgeteilt. Es kann sein. Für mich ist die einzige Lösung, das Geld einem guten Zweck zuzuführen. Alles ist für zwei Stiftungen bestimmt - eine musikalische, eine humanitäre. Mit jedem Pfennig. Nicht ein einziges Prozent wird an die Familie, an meine Mutter oder mich gehen
Und mit dem Geld, daß Ihnen Ihr Vater hinterlassen hat, könnten Sie problemlos bis zu Ihrem eigenen Lebensende haushalten?
Das würde ich nicht so sagen. Kommt darauf an, welchen Lebensstandard man hat. Aber er war nicht der Typ eines Vaters, der das Leben seines Sohns durchplant. Ich muß meinen eigenen Weg finden.
Was ist Ihr Weg?
Ich bin Filmregisseur und ich schreibe. Ich hatte das richtige Gefühl, einen Film über meinen Vater zu machen. Ich wollte mitteilen, wieviel schöne Dinge ich in meinem Leben mit diesem Mann erlebt habe. Ein Mann, mit soviel Liebe.
Sie haben Ihn auch als "Vater" im übergeordneten, religiösen Sinn bezeichnet. Sind sie selbst auch Buddhist?
Ja. In Gedanken und Philosophie habe ich mich immer meinem Vater verbunden gefühlt.
Haben Sie noch über seinen Tod hinaus Kontakt zu ihm?
Neun Monate nach meines Vaters Tod wurde meine Tochter geboren - das ist meine Anwort auf die Frage.
Sehen Sie einen künstlerischen Nachfolger für das Amt Ihres Vaters?
Sie meinen einen Dirigenten, heute? Meine Hoffnung ist, daß seine Beispiele andere auf ihrem künstlerischen Weg beeinflussen könnten. Die Münchner Philharmoniker sind eine große Institution - sie brauchen einen Namen. Ich hätte schon früher sagen können, daß einer wie Levine kommen wird. Sie brauchen die Medien, um weiterzukommen. Sie würden nie Sponsoren finden. Sie verlieren ihre Arbeit, wenn ein Unbekannter käme, der vielleicht auch große Musik zu machen versteht. Ich habe Angst. Ich weiß, daß mit der Zeit nicht sehr viel bleiben wird von meinem Vater. Auch deswegen sind die Platten gut...
Warum die CDs jetzt? Warum nicht in drei, nicht in fünf Jahren?
Ich wollte nicht zu lang warten. Die Piraten müssen von Anfang an bekämpft werden.
Eine Frage noch: an Ihrem Handgelenk - ist es das berühmte Armband Ihres Vaters?
Ja natürlich. Ich lebe keinen Tag ohne das.
(Andreas Günther FonoForum Dezember 1997)

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