Interview: Hans Zender
"Celis letzte Lehre"

Was kann ein Künstler mit CD-Aufnahmen erreichen? Kritisch vereint in dieser Frage sieht Hans Zender die Figur Celibidache als hohe ethische Gestalt. Für den dirigierenden Kollegen Zender ist die Celi-Edition willkommen: als Dokument - mehr nicht.


FONO FORUM: Ist der Zauber der Improvisation, ist die Magie nun dahin, da Celibidaches Vermächtnis auf CD vorliegt - für alle Welt greif- und gebrauchbar?
HANS ZENDER: Sagen wir es lieber so: Durch diese Aufnahmen ist die Magie der erlebten Gegenwart der festgehaltenen Erinnerung gewichen. Celibidache hat uns durch seine Weigerung, seine Karriere mit Hilfe der Schallplatte zu machen, ein moralisches Beispiel gegeben: Er wollte darauf hinweisen, daß die tiefsten Schichten der Musik sich nur in der Situation eines Live-Konzerts erschließen. Er verpflichtete dabei nicht nur sich, sondern auch das Publikum, sich immer wieder dieser nicht reproduzierbaren Situation zu stellen - einem Live-Konzert, indem der Interpret ein Werk in seiner Ganzheit auf eine neue, vielleicht ganz neuartige Weise hervorbringt. Das Publikum gehört zu dieser Neuproduktion dazu - es arbeitet mit, ebenso die Akustik des Saales, das Wetter, die Tagesform. All das ist natürlich selbst beim Abhören der schönsten Aufnahme nicht mehr möglich. Es kann kein Feedback geben. Im Kern hat mich die Weigerung Celibidaches an die Lebenshaltung mancher Schauspieler erinnert, die nur auf dem Theater präsent sein wollen und nicht im Film. Eine bestimmte Qualität ist eben nur auf dem Podium zu erreichen. Die technischen Medien machen das Erleben von Kunst zwar müheloser, zugleich aber auch viel flacher: alles wird zu einer eindeutigen Information zusammengepreßt - doch Kunst ist unendlich vieldeutig in der Wirklichkeit ihres Erscheinens. Das, glaube ich, wollte uns Celibidache zeigen - das hat er uns gezeigt. Und genau deshalb habe ich keine Probleme damit, daß nun die akustischen Erinnerungen an seine Arbeit verfügbar sind. Im Gegenteil. Celi gibt uns hier eine letzte Lehre und sagt indirekt: Die Schallplatte ist nichts anderes als eine Dokumentation vergangener musikalischer Augenblicke.
Widerspricht der imperfekte Live-Mitschnitt nicht den hohen Ansprüchen Celibidaches? Hätte ein solch unerbittlicher Kopf - wenn er wirklich CDs gewollt hätte - nicht eher das Studio vorgezogen ?
Jetzt sind wir wieder beim "Marionettentheater" - das nie und nimmer im Studio funktionieren könnte. In der Situation des Nichtgezinkten eine Nummer ohne Netz zu wagen - das kann im Studio selbst ansatzweise nicht nachgestellt werden. Die Perfektion des Studios ist eine andere Perfektion als die, nach der Celibidache strebte. Im Studio herrscht die Perfektion der Stückelung: die besten Momente tage- oder wochenlanger Arbeit werden aneinandergesetzt. Ich will dagegen gar nicht polemisieren - dazu habe ich selbst genug Studioproduktionen gemacht. Doch die Qualität des Ganzheitlichen ist im Studio nicht möglich.
Selbst mit dem höchsten technischen Aufwand kann der CD-Hörer im privaten Wohnzimmer nicht nachstellen, wie genau Celis Ideal an jenem Münchner Mai-Abend 1991 war, an dem er die fünfte Sinfonie Tschaikowskys dirigierte...
Genau. Wobei der Raum das größte Problem darstellt. Auf ihn muß sich der live arbeitende Künstler mit all seinen Kräften einstellen. Ein ganz anderer Raum ist dagegen der virtuelle Raum, den letztlich erst der Techniker im Studio produziert. Dieser Raum wird normalerweise vom Dirigenten gar nicht mitverantwortet. Der wird von der Plattenfirma, vom Rundfunk artifiziell und nach eigenen Wertmaßstäben hergestellt. Hier wird stets versucht, eine Ideallösung zu finden. Doch die gibt es nicht. Denn ein realer Saal birgt immer auch weniger ideale Details. Man kann einen Pfeiler vor der Nase haben oder ein Echo von links. Das gehört mit zum Live-Erlebnis - auch die Imperfektion. Eine Perfektion, die uns die Technik vorgaukelt, ist immer nur ideal in dem vom Techniker gewollten Sinn. Wir verfallen allzu leicht diesem Zauber, der von der Technik beherrscht wird, nicht vom Künstler.
Ist das nicht ein wenig vorschnell? Schließlich hatte sich ein Mann wie Karajan als Meister beider Formen verstanden; ein Machtmensch, der wie kein anderer das Celibidache gegenüberstehende Ideal verkörperte. Könnte Celibidaches Plattenfeindschaft im Kern nicht auch eine trotzige Geste gegen den ungeliebten Karajan gewesen sein?
Ja, das hat sicher damit zu tun. Doch unterschätzen Sie Celis moralischen Impuls nicht: Das Lebendige steht über dem Reproduzierbaren. Die Platte ist für den Nutzer zwar bequemer, aber sie schließt eine ganz entscheidende Qualität von Musik aus. Nämlich die zeitliche "Rundung" - die Identität von meiner Lebenszeit mit einer Aufführung auf dem Podium.
Ihr Wort von der "Rundung" ähnelt einem der kryptischen Sätze Celibidaches, nachdem "der Anfang im Ende" liege...
Mich erinnert dieser Ausspruch an einen Satz meines Freundes Bernd Alois Zimmermann: Wenn ich den ersten Takt eines Stückes schreibe, muß ich schon den letzten im Kopf haben.
Die berühmte "Kugelgestalt der Zeit"?
Fast. Es ist eher das Gefühl für die organische Ganzheit - eine Intuition, über die jeder Musiker verfügt. Und auch der Hörer kann das nachvollziehen. Wenn ich dagegen das selektive Hören per CD betreibe, dann gebe ich mich eher einem intellektualistischen Prozeß hin. Ich entziehe mich dem Diktat der strömenden Zeit. Hier hat Celibidache einen unendlich wichtigen Impuls - vielleicht unbewußt -aufgegriffen, den die große Musik dieses Jahrhunderts gibt. Nehmen Sie Schönberg, die Zweite Wiener Schule, Messiaen: Dieses Ethos einer Musik, die an den Hörer bestimmte Forderungen stellt - und sich nicht als Lustobjekt anbietet. Dieses Querstehen zum allzu leicht Genießbaren - auch die Schallplatte kann ja sehr leicht zum oberflächlichen Hören verführen und zu einer bestimmten Art musikalischer Halbbildung beitragen. Obwohl sie auch Chancen in sich trägt, den Horizont zu erweitern - gerade was die neue Musik angeht. Aber Celi hat leider die große, neuartige Musik unseres Jahrhunderts ignoriert und das ist etwas, daß ich ihm nie verzeihen werde. Ich halte es für die vornehmste Aufgabe jedes Interpreten, das frisch entstehende musikalische Leben zu fördern und zu unterstützen. Hier hätte Celi seinen "ethischen Impuls" als Musiker zur Vollendung bringen können, wenn er seinen einmaligen Klangsinn und seine Genauigkeit auch in den Dienst der neuen Musik gestellt hätte. Aber so etwas ist ja der Karriere nicht förderlich... So werden wir sicher in seinen neuen CD-Boxen auf keinen Webern, keinen Messiaen, keinen Zimmermann, keinen Feldman stoßen. Wie schade! Stellen Sie sich vor: ein Feldmansches Pianissimo - von Celi! (Andreas Günther FonoForum Dezember 1997)

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