Musik&Theater 
Sergiu Celibidache und die Schallplatte: Ein Ende in Minne

Die Demontage eines Mythos?

Der rumänische Stardirigent Sergiu Celibidache war der konsequenteste Gegner der Schallplatte, den die Erde je sah. Dennoch wird er kaum ein Jahr nach seinem Tod zum Plattenstar. Möglich machten es seine Erben, möglich machten es die Archive der Münchner Philharmoniker, und möglich machte es nicht zuletzt Celi selig selbst.
Reinmar Wagner
 

Sergiu Celibidache Sergiu Celibidache war überzeugt, dass Geist, Kraft und Aussage von Musik sich ausschliesslich im Konzert erfahren liessen. Die Arbeit im Schallplattenstudio widersprach dieser Auffassung grundlegend. Die Schallplatte töte alles Lebendige in der Musik, liess der Maestro verlauten und geisselte sie als "Ersatzbefriedigung" und "Onanie": "Im Bett spürt jeder, dass das Original unerreichbar ist!" Für ihn wurde in jedem Koozert das Hier und Jetzt, die Kombination aus Orchester, Dirigent, Publikum, Werk, Stimmung, Raum und Akustik zum einzigartigen Erlebnis, das sich niemals konservieren liess. Gerade dem Raum kam dabei entscheidende Bedeutung zu. Diese Rücksichtnahme auf die Schwingungen des Raumes führte dabei oft zu extrem langsamen Tempi, die Celibidaches Exzentriker-Status über das ohnehin aussergewöhnliche Mass hinaus weiter förderten, die Feierlichkeit seiner Konzerte noch erhöhten und ihnen den Charakter von religiösen Andachten für die exklusive Schar der Gläubigen gab.

Eine Aura des Mystischen umgab in den letzten Jahren seine Auftritte mit den Münchner Philharmonikern, die er zum Spitzenorchester formte und mit denen er seit 1979 als Chefdirigent kontinuierlich zusammenarbeitete. Wer also Sergiu Celibidache in seinem begrenzten Repertoire vor allem aus Symphonischem von Bruckner, Brahms, Beethoven, Richard Strauss, Tschaikowsky, Ravel und Debussy hören wollte, musste nach München fahren und sich um die Philharmoniker-Tickets bemühen. Nicht nur zur Schallplatte hatte Celibidache eine so kompromisslose Meinung. Auch wenn es um die musikalische Interpretation der Werke von Mozart bis Bruckner und Debussy ging, war der Rumäne ein unbestechlicher Perfektionist und kompromissloser Verfechter seiner ureigenen Linie. Was andere taten, hat ihn nie interessiert, und er hatte es auch gewiss nicht nötig. Er war einer der begnadetsten Orchester-Erzieher, Perfektionist, Showman und Mystiker zugleich.

Aber es mag noch einen weiteren Grund für Celis Kreuzzug gegen die Schallplatte geben: Karajan. Zeit seines Lebens stand der smarte Salzburger ihm vor der Sonne. Es war Celibidache, der - 33jährig - nach dem Krieg das Berliner Philharmonische Orchester in zäher Kleinarbeit, mit seinem unbändigen Drang zur Perfektion wieder zu einem Spitzenensemble schliff und es quasi verwaltete, bis Wilhelm Furtwängler - entnazifiziert - zurückkehrte. Als es jedoch 1955 um dessen Nachfolge ging, wurde dem Interims-Chef der aufstrebende Karajan vorgezogen. Diese Enttäuschung hat der Rumäne wohl nie ganz wegstecken können. Giftige, sarkastische Bemerkungen zeugten davon. Karajan war der Plattenstar par excellence. Celibidache zog sich in den Konzertsaal zurück und umgab sich mit der Aura des Guru, machte das Konzert zum Gottesdienst und erklärte die Konserve zum uninspirierten Teufelszeug.

Das Kalkül mit dem Archiv
 
Doch dann kam alles ganz anders. Über Nacht wurde der konsequente Schallplatten-Abstinent zum CD-Star und Umsatz-Hoffnungsträger im diesjährigen Weihnachtsgeschäft. Woher stammen denn überhaupt die Aufnahmen, welche diese posthume Würdigung in regenbogenfarbenschimmerndem Plastik erst möglich machten? Lauschten etwa heimlich Mikrophone im Saal während der Konzerte der Münchner Philharmoniker, wie das bei den schlechten Piratenpressungen, die hin und wieder durch die Schallplattenkataloge geisterten, der Fall war? Mitnichten. Mit höchstautoritärer Erlaubnis wurden fast alle Konzerte und oft sogar die Proben, die bei Celibidache immer öffentlich waren, mitgeschnitten. Zu Archivzwecken, wie es hiess. Aber der Maestro hat vorgesorgt: Wenn er auch zu seinen Lebzeiten seine weisse Mähne auf keinem Plattencover sehen wollte, so hat er doch an sein Weiterleben nach dem Tod nicht nur im Sinne der buddhistischen Lehre gedacht. Von ihm, der sich so vehement gegen den Ungeist der Konserve wehrte, gibt es keine Bestimmung im Testament, die eine allfällige Auswertung dieser Münchner Archivschätze verbieten würde. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, diese Musik mindestens für die nächsten 75 Jahre in die Keller der Philharmoniker zu sperren. Dass er es nicht getan hat, spricht für eine ungeahnte Pragmatik. Solange er lebte, sollten die Klassikfreunde in seine Konzerte kommen, sollten teilhaben am Kult um den magischen Moment des Entstehens von Musik. Nach seinem Tod aber mag die Platte helfen, Erinnerungen zu bewahren. 
Kommt dazu, dass im Laufe der Jahre bei obskuren Kleinlabels manche Platte erschienen ist, auf der Schwarzmitschnitte vom Maestro verbreitet werden. Dass die Klangqualität dabei meist jämmerlich ist, erstaunt niemanden. Diesen Pirat-Aufnahmen mit offiziellen Celibidache-CDs den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist erklärtermassen ein weiteres Ziel dieser Edition. 
Die Nöte des Produzenten

Obwohl dieses Argument überzeugt und keine rechtlichen Hindernisse einer Veröffentlichung der Münchner Schätze im Wege standen, ging Sohn Serge Celibidache subtil zu Werke: Zum einen sollen sämtliche Gewinne in zwei Stiftungen fliessen. Die "Celibidache Foundation" wird das musikalische Credo des Maestros an Musikstudenten weitergeben, und die Stiftung "S.C.Help" soll schlicht und einfach mit "stillen und schlichten guten Taten" überall auf der Welt helfen. Zum anderen will man Celis Credo insofern treu bleiben, als keine Zusammenschnitte aus verschiedenen Aufführungen veröffentlicht werden sollen. Eine leichte Aufgabe, würde man meinen, aber die Auswahl gestaltet sich gar nicht so einfach. Die Konzerte der Münchner Philharmoniker wurden normalerweise viermal gespielt. Eine übliche "Live-Aufnahme" enthielte die zusammengeschnittenen besten Momente aus all diesen vier Aufnahmen. Bei Celi geht das nicht, er beschwerte sich einmal dezidiert, dass in einer Rundfunksendung ein Hornkiekser mit der entsprechenden gelungenen Stelle in der Wiederholung geflickt worden war! Auch dieser falsche Ton, so Celibidaches Argument, sei Bestandteil genau dieses spezifischen Konzerts gewesen. Also muss der Produzent die beste aus diesen vier Aufzeichnungen auswählen. Marcus Herzog, der die Archivbänder auswertet und tontechnisch aufbessert, bringt das Dilemma auf den Punkt: "Aus den verschiedenen Konzerten das beste auszuwählen, kann nicht so schwierig sein, denkt man. Nur, welches ist in diesem sehr speziellen Fall als das beste anzusehen? Das mit den wenigsten falschen Tönen? Das schnellste? Gar das langsamste - für den echten Celi-Fan? Ich habe versucht, all diese und ähnliche Kriterien, nach denen man sonst vorzugehen pflegt, beim Anhören dieser Konzertmitschnitte ausser acht zu lassen und mich ganz darauf zu konzentrieren, dem Geist Celibidaches in diesen Aufnahmen nachzuspüren. Wenn seine Absicht mit denjenigen der Musiker in perfekter Harmonie verschmilzt, enstehen Momente von unbeschreiblicher Kraft und Schönheit. Nach diesen Momenten habe ich gesucht."

Bruckner als Höhepunkt
 
Sergiu Celibidache 
Hinter den Kulissen kämpften derweil die grossen Klassik-Labels um den prestigeträchtigen und wohl auch lukrativen Auftrag. EMI machte das Rennen. In Zehnertranchen will der rote Plattenriese Celibidaches Vermächtnis herausbringen. Bereits im August wurde aus den reichen Beständen als Apéro eine Doppel-CD herausgegeben mit Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung", Tschaikowskys "Romeo und Julia" und Interview-Ausschnitten. Ende November erschien die erste Zehner-Box mit einem Querschnitt durch Celis Schaffen von Haydn und Mozart über Tschaikowsky und Wagner bis zu Debussy und Ravel. Im nächsten Frühling kommt dann der komplette Sinfonienzyklus von Anton Bruckner heraus, worauf die Celi-Fans besonders sehnlich warten, gilt doch sein Bruckner unbestritten und auch zu Recht als Krönung seines Oeuvres und als Meilenstein der Interpretationsgeschichte. Im Halbjahresturnus sollen danach weitere Boxen herauskommen. Solange der Markt will - denn die Archive sind schier unerschöpflich.

"Celibidache hat mit der Veröffentlichung gerechnet"

Helmut Nicolai ist heute Bratschist im Münchner Rosamunde-Quartett. Seine Karriere begann er als Mitglied der Berliner Philharmoniker. Danach ging er als Solobratschist zu den Münchner Philharmonikern, unter anderem deshalb, weil er mit Sergiu Celibidache zusammenarbeiten wollte. Das Rosamunde-Quartett, das 1992 bei den Berliner Festwochen zum ersten Mal öffentlich auftrat, ist als Ensemble ebenfalls geprägt von den musikalischen und weltanschaulichen Ansichten Celibidaches.
M&T:Helmut Nicolai, Sie kannten Sergiu Celibidache sehr gut. Was sagen Sie dazu, dass nun seine Konzerte auf Schallplatte veröffentlicht werden? H.N.: Ich glaube, Celibidache persönlich wollte sich in seinem Leben mit diesen Dingen, die er als Störfaktoren betrachtet hat, nicht befassen. 
M&T: Also denken Sie, dass er gegen die posthume Veröffentlichung seiner Konzertmitschnitte gar nichts hätte?  H.N.: Nein. Er liess ja alle Konzerte aufnehmen. Er hätte mit einem Wort sämtliche Mikro-phone aus dem Saal verbannen können. Er hat es nicht getan. Ich denke, dass er ab einem gewissen Zeitpunkt auch damit gerechnet hat, dass diese Aufnahmen dereinst veröffentlicht werden. Aber zu seinen Leb-zeiten wollte er sich nicht damit befassen. 
M&T: Solange er im Konzertsaal erlebt werden könnte, sollten nicht die notgedrungen schlechteren Konserven vom Publikum konsumiert werden?  H.N.: Das war natürlich die Grundidee seines künstlerischen Schaffens, dass die Realität und das Leben durch nichts ersetzt werden können. Und das ist ja auch eine Wahrheit, an der niemand vorbeikommt. Das Konzert mit all seinen Verzerrungen des Augenblicks in einem bestimmten Raum, mit einem bestimmten Apparat, an genau diesem Platz: Das ist eben nicht mehr variabel, sondern unwiederholbar, weil es einmal erlebt wurde. 
M&T: Sie sind von den Berliner Philharmonikern weggegangen und nach München gekommen. Wegen Celibidache?  H.N.: Ich habe in Berlin unglaublich schöne Zeiten erlebt und mit wunderbaren Musikern zusammengespielt. Aber unter Karajan war die gesamte Arbeit der Aufnahmetätigkeit unterworfen. Alles, was schon in weiter Ferne am Horizont sichtbar war, wurde bereits von den Schallplattenfirmen vereinnahmt und finanziert. Wir waren im Grunde eine einzige grosse Marketing-Maschine. Ich finde auch, Karajan hat sich am Ende ein bisschen aufgegeben. 
M&T: Da war Celibidache das andere Extrem. Haben Sie ihn gekannt, bevor Sie 1981 in sein Orchester wechselten?  H.N.: Ich hatte natürlich über ihn gelesen und mir auch Konzerte angehört. Und ich muss zugeben, ich war schon ein wenig gespalten. Ich war diesen wunderbaren Breitwand-Klang der Berliner gewohnt, und jetzt kam ich in ein Orchester, wo diese Qualitäten noch nicht so stark vorhanden waren wie dann in den späteren Jahren. 
M&T: Wie haben Sie ihn dann näher kennengelernt?  H.N.: Gleich nach dem Probespiel kam er zu mir und sagte: Ich freue mich, dass Sie kommen, und wir werden sehr gut zusammenarbeiten, das weiss ich. Es war von Anfang an spontan eine grosse Sympathie und Freundschaft zwischen uns. Wir haben auch wahnsinnig viel zusammen gefeiert. 
M&T: Es gab auch kritische Zeiten, wo Celibidache als Dirigent der Münchner Philharmoniker in Frage stand.  H.N.: Er hat das Orchester natürlich sehr gespalten. Es gab viele Orchestermitglieder, die - was ich auch verstehen kann - nach einer Tournee mit Lorin Maazel lieber auf diesen erfolgreichen Dirigenten setzen und nicht das Risiko Celibidache weiter tragen wollten. Da haben wir dann doch sehr massiv gekämpft, dass diese Zusammenarbeit, die auch von aussen, von der Stadt zum Beispiel in Frage gestellt wurde, weitergeführt wurde. 
M&T: Was war denn so faszinierend daran, mit ihm zu arbeiten?  H.N.: Seine Absichten waren immer absolut durchsichtig. Er hat alles erklärt. Sein Geheimnis bestand nicht aus Mysterium und Charisma, sondern aus solider Arbeit: Hauptstimme, Nebenstimme, der Ton des Horns im Akkord und so weiter. Er war sehr sachlich und klar, und das konnte jeder verstehen. Deshalb war es interessant, seine Proben zu verfolgen. 
M&T: Das korrespondiert ja überhaupt nicht mit der mythologischen Verklärung, die ihm entgegengebracht wurde.  H.N.: Das war die andere Seite von ihm. In den Proben hat er die Bedingungen geschaffen. Das ist schwierig genug. Aber im Konzert ist es dann manchmal - lange nicht immer - tatsächlich zu diesen Höhenflügen gekommen, wo man den Boden verlässt und wo fast metaphysische Erlebnisse möglich wurden - für das Publikum wie für die Musiker. 
M&T: Was sagen Sie denn zu den langsamen Tempi, die Celibidaches Markenzeichen geworden sind?  H.N.: Es gibt einige wenige Stücke, wo ich sehr starke Probleme damit hatte. Zum Beispiel bei Beethovens "Pastorale", in der Szene am Bach: Das konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Aber bei einer Tschaikowsky-Symphonie zum Beispiel, wenn sich diese Landschaftsbilder aufgetan haben, wenn die Riesenromane von Tolstoi vor dem inneren Auge auferstanden, da war es wunderbar. 
M&T: Hat Celibidache mit solchen Bildern gearbeitet?  H.N.: Nein. Er hat schon Bilder herangezogen, aber nicht so ausdrückliche. 
M&T: Es gibt von Celibidache sehr viele abschätzige Bemerkungen über Kollegen. Worin, denken Sie, liegen sie begründet?  H.N.: Er hat natürlich erlebt, dass viele Kollegen in ihrem Umgang mit der Musik wesentlich leichtfertiger waren als er und das Innenleben der Musik einfach einem gewissen Klang untergeordnet haben. Für ihn war Klang als solcher ohne jede Bedeutung. Celibidache hat das auch ausgesprochen. Andere Dirigenten ziehen ebenso über ihre Kollegen her, aber vielleicht nicht so ungeschminkt in der Öffentlichkeit. So muss man sagen, war er nur angstfreier als sie. Aber er hat damit natürlich auch viel Porzellan zerschlagen, was oft sehr schade war. 
M&T: Also keine Verbitterung?  H.N.: Er hat sicher lange darunter gelitten, dass er damals die Berliner nicht übernehmen konnte, und das ist auch verständlich: der Verlust der grossen Geliebten. Aber Celibidache war in den letzten Jahren seines Lebens ein sehr glücklicher und zufriedener Mensch. 
(Interview: Reinmar Wagner)

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