Pfannkuchen mit Aura

Legendär sind sie mittlerweile, seine Münchner Konzerte mit den Sinfonien von Anton Bruckner. Die monumentalen Klang-Architekturen des Vollenders der sinfonischen Kunst im 19. Jahrhundert schien niemand so prachtvoll zum Strahlen zu bringen wie Sergiu Celibidache. Kaum einer türmte die Klänge so hoch in den Himmel, machte ihr Linienspiel so faßlich. Wenn der weißhaarige rumänische Maestro bei den Münchner Philharmonikern Bruckner dirigierte, saß das Publikum in stiller Andacht und ließ sich in andere Welten tragen. Und heute schwärmen viele, die dabei waren, wie von religiösen Erleuchtungs-Erlebnissen.

Sowohl die Anhänger als auch die Gegner "Celis" reagierten skeptisch, als nach dem Tod des Dirigenten und Klangphilosophen Sohn Serge und Witwe Ioanna verkündeten, die in Archiven lagernden Mitschnitte der Aufführungen mit den Münchner Philharmonikern in einer CD-Edition herauszugeben. Celibidache selber hatte in seinen reifen Jahren Tonkonserven strikt abgelehnt. Schallplatten hielt er für "tönende" Pfannkuchen, die nur ein plattes Abbild von Musik wiedergeben, aber nicht wirklich Musik enthielten. In seinem Testament hat er jedoch die Verwendung der Bänder nicht untersagt.

Wahrscheinlich, weil er wußte, daß die Aufnahmen Schätze sind - die man nur sorgfältig heben mußte um ihren Wert zu bewahren. Und schon die vor einem Jahr erschiene erste Kassette mit Werken unter andern von Beethoven, Bartok, Tschaikowsky, Debussy und Ravel zeigte, daß das geht. Doch der große Knüller fehlte noch: Celibidaches Bruckner. Jetzt ist die 12-CD-Box mit der dritten bis zur neunten Sinfonie, der f-Moll-Messe und dem Te Deum heraus, und weder die Fans noch die ewigen Celi-Verachter werden Wesentliches dran auszusetzen haben.

Denn die Sensation teilt sich mit. Diese CDs sind Pfannkuchen mit Aura. Von einer auf Konserve womöglich unerträglichen Langatmigkeit keine Spur! Daß Celibidache in seinen Münchner Jahren (1979 bis 1996) langsamer dirigierte als alle anderen großen Pultstars der Welt, ist hier völlig unwichtig, Man schaut nicht auf die Uhr. Denn reale und erlebte Zeit können in der Musik extrem voneinander abweichen. Celi machte vor, daß "Länge" kurzweilig sein kann. Wie er etwa in den Brucknerschen Scherzi rhythmische Spannkraft aufbaut oder beim ersten Satz der im September 1995 aufgenommenen Neunten einen 32 Minuten langen Bogen spannt, fesselt auch auf der CD. Ganz egal, daß andere große Interpreten, wie Günter Wand oder Leonard Bernstein dafür bis zu zehn Minuten weniger brauchten!

Als blicke man in einem tiefen See durch absolut klares Wasser bis auf den Grund: So empfanden manche Verehrer Celibidaches Orchesterklang - und genau so ist es. mehr Fülle und zugleich Transparenz ist kaum möglich. Die Münchner Philharmoniker spielen in diesen Aufnahmen schlicht wunderbar. Wie penibel Celi mit ihnen arbeitete, zeigen die Probenausschnitte auf einer der CDs. Doch Präzision und Klang-Balance waren ihm nicht alles. O-Ton des Dirigenten an einer Stelle im dritten Satz der Neunten: "Das sind nur Töne, die interessieren niemanden! Wo ist der Mensch?"

Zu bewegten Organismen wurden die Sinfonien in seiner Interpretation, Und das CD-Vermächtnis rettet sie über den Konzertsaal hinaus - von der Legende zurück ins Leben.  (Roland Spiegel AZ 5.10.1998)
 

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