FONOFORUM

Das Erbe des Sergiu Celibidache

Eine CD ist eine CD, ist eine CD - und kein Konzert. Man kann sich diesen Satz nicht oft genug vergegenwärtigen, wenn man sich mit der zwölf CDs umfassenden Bruckner-Box von EMI Classics auseinandersetzt. Denn nur so vermeidet man den Fehler, sich dem musikalischen Erbe des Sergiu Celibidache unter völlig falschen Voraussetzungen zu nähern.
 
Seit einige Wochen ist die Box nun veröffentlicht. Und natürlich gab es das erwartete Rauschen im Blätterwald der Tages- und Wochenzeitungen. Celi und Bruckner - das galt bereits zu Lebzeiten des Dirigenten als gute Kombination. Der Generalmusikdirektor der Stadt München fühlte sich der Musik Bruckners besonders verbunden. Und immer wieder war nach Konzerten mit den Münchner Philharmonikern von seinem kongenialen Verständnis zu lesen. So war es auch kein Wunder, daß beispielsweise Hans Zenders vielbeachteter Nachruf in der "Zeit" sich fast ausschließlich mit Celibidaches Art beschäftigte, Bruckner zu dirigieren.
Bruckner und Celi erhielten jetzt also die Aufmerksamkeit der Tagespresse, die sich die Plattenfirma wohl erhofft hatte. Und insofern kann man es schon als ungemein geschickten Schachzug der verantwortlichen Marketingabteilung bezeichnen, "Celis spätes CD-Debüt" - wie FONO FORUM im Dezember letzten Jahres schrieb - zuerst mit Aufnahmen von Werken Wagners, Beethovens, Haydns, Schumanns, Tschaikowskys u.a. betrieben zu haben. Celis Bruckner - das konnte man absehen - erhält die Aufmerksamkeit von Presse und Publikum auch ohne dem Umstand, daß es sich um das CD-Debüt eines Mannes handelt, der zu Leibzeiten Schallplatten als "tönende Pfannkuchen" beschimpft hatte.
Daß Celibidache ein unglaubliches Charisma besaß, das läßt sich jetzt noch erspüren, wenn man die Kritiken jener - zumeist Münchener - Herren liest, die ihn selbst am Pult erlebt haben. Man merkt aber auch, daß sich die Autoren nicht davon frei machen können, die CDs mit den Konzerten zu vergleichen. Am stärksten wird das bei Reinhard J. Brembeck deutlich, der in der "Süddeutschen Zeitung" schreibt: "Natürlich spielen die Philharmoniker gut, fabelhaft und im gleichen Atem mit Celibidache. Erinnerungen an Sternstunden werden wach, an große Gefühle, an spannende Momente zwischen Stillstand und letztem Glück. Doch es bleibt bei den Erinnerungen. Denn Celibidaches Bruckner wirkt trotz aller grandios gelungener Momente nicht lebendig. Schon allein, weil sich das eigene Wohnzimmer nicht in eine Ersatzkirche verwandelt". Brembeck kommt zu dem Schluß, daß Celi wohl geahnt habe, daß sich sein Bruckner nicht auf Platte einfangen lassen könnte. Und er habe mit dieser Ahnung Recht gehabt.
Manuel Brug geht in der "Welt" mit der Box nicht ganz so hart ins Gericht. Aber auch er stellt fest, daß sich die Vergeistigung, die Unmittelbarkeit des realen Er-Lebens nicht einstellen. Zitat Brug: "Auch ein Bruckner-Gott kocht aus der Konserve nur mit Wasser." Markus Thiel schließlich urteilt im "Münchener Merkur": "Der Maestro hatte schon recht. Aufnahmen können nur eine Ahnung von der Spannung des live-haftigen Celi vermitteln." Immerhin gesteht er den CDs zu: "Aber auch diese ,Unvollkommenheit' entwaffnet."
Ist es jedoch überhaupt legitim, die CDs mit den Konzerten zu vergleichen? Gerade angesichts der Äußerungen Celibidaches? Mir scheint das äußerst fragwürdig. Denn es bleibt festzuhalten: Celibidache hat diese CDs nicht verhindert, er hat sie aber auch nicht ausdrücklich gewollt, geschweige denn produziert. Und hat je irgendjemand das Abschlußkonzert des Schleswig-Holstein-Musik-Festivals von 1987 - Günter Wand dirigierte Bruckners Achte - mit der daraus resultierenden EMI-CD verglichen? Daß ein Konzert und eine CD nicht miteinander zu vergleichen sind, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit - selbst wenn die Biographie eines Dirigenten diesen Vergleich so anbietet wie im Falle Celibidaches.
Eine tiefergehende Rezension zu den Celibidache-Aufnahmen hat Wolfram Goertz in der "Zeit" veröffentlicht. Auch er fragt sich: "Sieht man beim Hören nicht immer wieder diesen alten, gebrechlichen Mann vor sich?" Aber indem er darüber reflektiert, schützt er sich gegen "solch sentimentale Anwandlungen". Er geht wirklich auf die Qualität der Aufnahmen ein. Außerdem prägt Goertz die kluge Formulierung von der "Realität ohne Erinnerung". Und er beschreibt damit ausgezeichnet die Rezeptionsweise, mit der viele tausend Menschen weltweit diesen CDs gegenübertreten werden - nämlich all die, die den Maestro nicht leibhaftig erlebt haben. Für sie gilt ganz besonders: Eine CD ist eine CD.
Kommen wir also zum Wesentlichen: Was findet sich nun auf diesen zwölf CDs? Erst einmal die Sinfonien Nr. 3 bis Nr. 9 von Anton Bruckner, jeweils in der letzten Fassung. Celibidache war offensichtlich nicht darauf versessen, einen vollständigen Zyklus vorzulegen. So hat er die ersten beiden Sinfonien während seiner Münchener Zeit nie dirigiert. Als Ausgleich für den unvollständigen Sinfonie-Zyklus hält EMI allerdings  drei Zugaben bereit: Bruckners Messe Nr. 3 in f Moll, das "Te Deum" sowie erhellende Auszüge aus den Proben zu Bruckners Neunter. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1982 bis 1995, decken also einen großen Zeitraum von Celibidaches Münchner Wirken ab. Zusammengestellt hat sie - wie auch schon die erste Celibidache-Edition - Marcus Herzog. Bei Bruckner hatte er teilweise die Qual der Wahl, konnte aus verschiedenen Aufnahmen die nach seiner Meinung künstlerisch wertvollste Aussuchen. Und er hat dabei ein gutes Händchen gehabt.
Viel gelobt wurden in allen bereits erschienenen Rezensionen die Münchner Philharmoniker. Und dem kann man sich nur anschließen. Die wunderbar homogene Streichergruppe, das selbst im Fortissimo noch weiche, nie lärmende Blech, die weit klingenden Holzbläser - Sergiu Celibidache hat die Münchner Philharmoniker ohne Zweifel zu einem Elite-Orchester geformt. Traumhaft ist das Zusammenspiel der Musiker. Wie sehr Celibidache das am Herzen lag, verrät der Probenmitschnitt: "Hören, hören", ruft er da an einer Stelle der zweiten Geige zu. Und immer wieder fordert er die Musiker auf, über den Horizont der eigenen Stimme das ganze Werk ins Auge zu fassen.
Ein Ergebnis dieses gegenseitigen Hörens ist sicherlich die mustergültige Transparenz, die Celibidaches Interpretationen auszeichnet. Da wirkt selbst ein Fortissimo nicht breiig, sondern durchhörbar. Celibidache verleiht jeder Stimme dabei ihr je eigenes, dem funktionalen Zusammenhang der Komposition entsprechendes Gewicht. Als Beispiel sei nur der Beginn des Finales der Vierten erwähnt: Celli und Kontrabässe geben mit ihren ständig wiederholten Vierteln auf dem Ton B bis zum Takt 34 nicht nur das harmonische Gerüst, sondern auch den Bewegungsimpuls vor. Erste Violinen und Bratschen tremolieren, die zweiten Violinen füllen in einer Achtelbewegung das Intervall zwischen Des und B aus. Darüber intonieren Klarinetten und Hörner ihre düster abwärtsweisenden Dreitonmotive. Während beispielsweise bei Riccardo Muti mit den Berliner Philharmonikern (EMI) die Bässe zu leise klingen und somit der Impuls fehlt, kommen bei Eugen Jochum - ebenfalls mit den Berlinern (DG) - die Bläser zu kurz. Bei Celibidache hingegen ist alles präsent.
Doch die Präsenz der Einzelteile sagt natürlich noch nicht viel über das Ganze aus. So bestimmt etwa das Tempo ebenso die Wirkung des Satzes wie das Verhältnis der Stimmen zueinander. Und Celibidache braucht in diesem Fall fast acht Minuten länger als Jochum - und immerhin noch fast sechs Minuten länger als Wand in seiner neuesten Einspielung für RCA.
Die Tempi - und die daraus resultierenden Längen - sind dabei ohne Zweifel vordergründig das Auffälligste an Celibidaches Interpretationen. So braucht er für die Vierte insgesamt rund 15 Minuten länger als Jochum. Auch Michael Gielen (man vergleiche nur die Tempi der Siebten), natürlich Günter Wand und der zu wenig gewürdigte Lovro von Matacic - um nur einige große Bruckner-Dirigenten zu nennen- bevorzugen wesentlich schnellere Tempi.
"Tempo ist nicht eine Realität an sich, sondern eine Bedingung. Ist da eine enorme Vielfalt, die zusammenwirkt, so brauche ich mehr Zeit, um damit etwas musikalisch anfangen zu können", meinte der Außenseiter (zitiert nach Wolfgang Schreiber: Andere Wege zur Musik). Und man muß feststellen, daß bei Celi, dem Phänomenologen, Länge nie in Langeweile umschlägt. Stets ist es erfüllte Zeit, und manches - zumeist in den Ecksätzen - hört man regelrecht neu: etwa den Beginn der Dritten, wo die Terassen-Motive der Streicher eine ganz andere Dimension erhalten. Oder das "Te Deum", das man sicherlich schon dramatischer, aber wohl nur selten so feierlich gehört hat. Nicht umsonst werden in den Bruckner- Rezensionen immer wieder Begriffe wie "Ersatz- Kirche" oder "Bruckner-Gott" benutzt. Vielmehr verleihen die langsamen Tempi den Sinfonien häufig eine feierliche und majestätische Ausstrahlung, die man ähnlich aus der Sakral-Musik kennt. Wo Wand das Drama sucht, geht Celibidache meditieren. Beide Wege sind legitim.
Und Bruckners Sinfonien, darin liegt vielleicht die Geistesverwandschaft zwischen Bruckner und Celibidache begründet, bieten auch den zweiten Weg an. Wenn Mahler der Komponist der Brüche ist, oder zumindest immer stärker dazu wurde, so kann man Bruckner als den Meister des Verhältnisses von Spannung und  Entspannung bezeichnen. Endlose Spannungsbögen, Crescendi, die zu triumphalen Blechbläserfanfaren führen oder ins Nichts einer Pause fallen, Motive, die wie ein Stein über den anderen geschichtet werden - all das prägt Bruckners Sinfonien. Und Celibidache ist der rechte Baumeister, um dieses ständige Wachsen und Vergehen - besonders schön in der achten und neunten Sinfonie zu erleben - mit den Münchner Philharmonikern darzustellen.
Für mich ist diese Edition das musikalische Erbe des Sergiu Celibidache. Was wissen wir heute noch von Dirigenten wie Hans von Bülow, Felix Mottl oder Hans Richter? Ihre Leistungen kennen wir nur aus Geschichtsbüchern. Die Celibidache-Edition wird die Kunst dieses Maestros noch dann erlebbar wer- den lassen, wenn seine Freunde, Schüler und Zeitgenossen längst Geschichte sind. "Es ist eine besondere Freude, Sie zu dirigieren", sagte Celibidache am Ende der Probe zu Bruckners Neunter im September 1995. Und es ist ebenfalls eine besondere Freude, das Ergebnis dieser Arbeit sich heute noch anhören zu können.
Ein kleines Wort zum Schluß: Unter den Danksagungen von Serge Celebidachi, die in jedem CD-Booklet der Edition abgedruckt sind, finden sich neben Marcus Herzog, der die Aufnahmen technisch bearbeitete, und Bettina Huchtemann, die für das Cover-Design verantwortlich war, auch die frühere EMI-Produktion-Managerin Christine Schweitzer und der frühere Chef von EMI Classics Deutschland Stefan Piendl namentlich genannt. Ohne die beiden letzteren hätte es diese verdienstvolle Edition so nie gegeben. Beide haben im Zuge der Umstrukturierungen der EMI im Frühjahr diesen Jahres die Firma verlassen. Ihre Nachfolger müssen sich an dieser Edition messen lassen. (Gregor Willmes in FonoForum Dezember 1998)

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