Klassik heute - Empfehlung

Auch diese zweite Box aus der stolz "First authorized" bezeichneten EMI-Edition hätte Sergiu Celibidache genauso verachtet wie zeitlebens alle Aufnahmen - auch seiner Kunst. Er hätte sie höchstens als historische, niemals aber als musikalische Dokumente geduldet. All seine Sorgfalt um klangliche Balance, alle musikalische Verdeutlichung galten dem jeweils einmaligen Moment der Aufführung. Nichts wurde irgendeiner Aufzeichnungstechnik geschuldet, auch nicht unterschwellig. Dennoch hat der Maestro die Mitschnitte zugelassen, hat den Umgang mit diesen Dokumenten nach seinem Tode dem freien Willen seines Sohnes überlassen. Es wird gewiß nicht bei dieser "First authorized Edition" bleiben; die Rundfunkarchive in Berlin, Stuttgart, Stockholm, Tokio, in Italien und anderswo bergen reiche Schätze aus allen Lebensphasen Celibidaches vor dem Münchner "Spätwerk", in dessen Zentrum schließlich Anton Bruckner stand.

Um es gleich vorweg zu sagen: Diese Aufnahmen vermitteln gerade in ihrer wohltuenden technischen Nüchternheit auch dem, der Celibidache und die Münchner Philharmoniker nie erlebt hat, einen einzigartigen Eindruck davon, was das Wort Orchesterkultur bedeutet. Schöner, ausdrucksvoller, farbenreicher kann man nicht spielen, es ist ein Klang von einer Dichte, Räumlichkeit, Tiefenschärfe und Vielfalt wie nirgendwo sonst zu hören. Selbst die gewaltigsten fortissimo-Höhepunkte (Adagio, siebte Sinfonie) leuchten in strahlender Transparenz, niemals läßt Celibidache die Brutalität irgendwelcher Lokaleffekte zu, selbst das zarteste pianissimo behält sinnliche Präsenz und vertrocknet nicht. Er hat sein Orchester zu einer Phrasierungskunst erzogen, zu einem gegenseitigen Aufeinanderhören, daraus folgend zu einer musikalischen Beziehungsspontaneität, die gleichsam auf einem anderen Planeten des Musizierens angesiedelt ist. Der hat mit der herrschenden Geschäftigkeit, der flachen, verlogenen Schnellebigkeit des sonstigen Musikbetriebs, dessen schnöden Bedingungen sich auch größte Namen willig und widerspruchslos unterordnen, definitiv nichts zu tun. Allein die Anfänge! Wenn je das Wort "misterioso" etwas bezeichnet hat, dann hier das Erscheinen des Klanges aus dem Nichts. Atemberaubend, wenn in der vierten Sinfonie in das fata-morgana-artige Anfangsschweben das Solohorn von ferne wie ein Naturlaut erklingt und mit der Quint die sinfonische Welt öffnet. Bei aller Begrenztheit der Aufzeichnungsmöglichkeiten des Dynamischen teilt sich dennoch etwas von seiner ungeheuren Dimensionierung im realen Raum mit, etwa bei den Schlüssen der vierten und achten Sinfonie, die aus dem Aschfahlen, kaum Hörbaren unaufhaltsam aufsteigen bis zum allumfassenden Triumph. Bedingung für die Deutlichkeit, mit der auch kleinste Partikel ausartikuliert werden, für die nie nachlassende Spannkraft, mit der auch die ausgedehntesten Brucknerschen Phrasen geistig und technisch ausgespielt werden, ist die vielbestaunte und von manchen geschmähte Langsamkeit. Celibidache war jedoch nicht einfach langsamer als andere, sondern es sind die Fülle, Struktur und räumliche Tiefe des Klangs, die er und seine Philharmoniker in ihrer Ganzheit hörbar machten. In ihrer l7jährigen Zusammenarbeit haben sie den "Kontinent" Anton Bruckner so unerhört gründlich und neu erkundet, daß erst mit ihren Expeditionen die wahren Ausdehnungen und Konturen erkennbar - besser mit einem Wort Celibidaches - erlebbar geworden sind. Davon künden die Mitschnitte, wie rudimentär sie auch immer gegenüber dem im Konzert tatsächlich Erklungenen und Erfahrenen sein mögen, mehr, als Gegner und Fans des Dirigenten je fürchten oder erhoffen konnten

Christian Michael in Klassik heute, Ausgabe November 1998

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