FonoForum

Geliebt und gehaßt

Mit den vier Sinfonien von Brahms eröffnet jetzt das Hamburger Gelblabel seine Celibidache-Edition, anhand derer es versuchen wird, der vor ihr gestarteten Kölner Konkurrenz von der EMI Paroli zu bieten.

Der 1996 gestorbene Dirigent Sergiu Celibidache war umstritten wie kaum ein anderer Pultstar dieses Jahrhunderts. Für die einen war er ein Exzentriker und Gaukler, der sein genialisches Image mit mimosenhafter Eitelkeit förderte und Konkurrenten wie Böhm, Karajan, Knappertsbusch oder Sawallisch in aller Öffentlichkeit mit apodiktischer Schärfe abkanzelte. Für die anderen war er eine Kultfigur, ein stiller Heroe des Taktstocks, der selbst die abgenutztesten Repertoirestücke in funkelnde Juwelen verzaubern konnte. Doch da er Audio-Aufnahmen fast immer unerschütterlich ablehnte, konnten sich meist nur die Besucher seiner Konzerte ein eigenes Bild machen. Das ändert sich erst jetzt, nachdem Celibidaches Erben die zahlreichen in den Archiven schlummernden Konzertmitschnitte des exzentrischen Schallplattenmuffels zur Veröffentlichung freigegeben haben.

Von 1972 bis 1977 war der Rumäne Chefdirigent in Stuttgart, ehe er die Leitung der Münchner Philharmoniker übernahm. Aus dieser Zeit, die heute als goldene Ära der Stuttgarter gilt, stammt die vorliegende Gesamtaufnahme der Brahms-Sinfonien. In ihnen beweist "Celi", wie ihn seine Fans nennen, daß er mehr als nur die flotten Sprüche drauf hatte, mit denen er die Musikwelt polarisierte.

Auch heute sind die Einspielungen musikalisch noch sehr anregend; man hört Nebenstimmen, die man sonst nie gehört hat. Dabei bürstet Celibidache die Sinfonien nicht wirklich gegen den Strich, aber er macht sehr überzeugend deutlich, daß die Klangfarben, neben Melodie, Harmonie und Ryhtmus, ein konstituitives Element dieses Werkzyklus darstellen. In seiner Lesart klingt Brahms introvertierter, als man ihn gemeinhin kennt; von heroischer Geste oder gar Monumentalität ist da selten die Rede. Das ist um so erstaunlicher, als sich Celibidache oft unendlich viel Zeit nimmt - bisweilen ist allerdings auch das Gegenteil der Fall.

Die 25 Jahre alten Aufnahmen wurden von den DG-Technikern sehr überzeugend restauriert und klingen erstaunlich frisch. Auch die Publikumsbeiträge dieser Live- Aufnahmen wirken kaum störend.

Ein echtes Highlight ist die Bonus-CD mit einem knapp halbstündigen Probenmitschnitt vom November 1974. "Was spielen Sie denn da?", raunzt Celi die Stuttgarter Musiker an und gibt einen Grundkurs in Rhythmik. Das ist entlarvend und überzeugend zugleich, denn das Ergebnis gibt ihm recht. Und vielleicht haben viele der wie Schuljungen behandelten Musiker ihren Celi deshalb so geliebt.  (Peter Kerbusk in FONO FORUM Juni 1999)

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