Auf ins neue Leben!

Sergiu Celibidaches überragender Rang als Dirigent kann nicht ernsthaft bezweifelt werden. Doch als Komponist ist er eine Obskurität. Für seinen "Taschengarten" hob er 1978 den 25 Jahre eingehaltenen Bann gegen die Schallplatte ein einziges Mal auf.

Der Erlös dieser den Kindern der Welt gewidmeten Platte, die "euch eines schönen Tages ... etwas finden lassen" könnte, "was die Erwachsenen in ihrem Garten vergeblich gesucht haben", floss an UNICEF. Keine weitere seiner Kompositionen hat Celibidache mit einem Orchester einstudiert, auch nicht in München, wo bereits die Stimmen für seine "Rumänische Suite" ausgeschrieben waren. Umso rätselhafter muss diese Ausnahme erscheinen, die nun anlässlich seines 90. Geburtstags (am 11. Juli, nach dem damals im ostkirchlichen Raum gültigen Kalender am 28. Juni) als Schlussbaustein der unvollendeten DG-Edition wieder veröffentlicht wurde.

Kein Zweifel, an seinem "Taschengarten" muss ihm viel gelegen haben, unermesslich viel. Die Musiker des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart, solchermaßen privilegierte Botschafter vor der Geschichte, suchten das Werk des verehrten Maestro nach Epigonismen ab wie die Ameisen - und wurden, so Solo-Oboist Lajos Lencses heute, "nicht fündig". Einflüsse finden sich wie überall auch hier, aber doch stets in verwandelter Weise: Debussy (oder ist es nur die Freiheit der Mittel, die subtile Organisation des Einfachen und alles durchdringende Beweglichkeit?), Milhaud (oder ist es nur die polytonale Sprache?), Prokofeff (oder sind es nur die hakenschlagenden Kadenzen?), auch Bruckner in der Kräftedisposition von "Trop loin le ciel, vieux sapin". Und vieles weitere, aber nichts davon wirklich. Von den von ihm geschätzten Zeitgenossen wie Dutilleux, Bäck oder Norgard ist nichts zu hören, auch nicht von der Schule des unvergessenen Lehrmeisters Heinz Tiessen. Jürgen Fehling, für Celibidache "der Künstler überhaupt", hat's gesagt: "Einer wird dogmatisch, wenn ihm nichts weiter einfällt." Die Musik Celibidaches ist - im "Taschengarten" jedenfalls, dem einzigen, was wir von ihm kennen - von einer unendlichen Offenheit und Durchlässigkeit, zugleich von anteilnehemdner Menschlichkeit, suggestiver erzählerisches Poesie und formaler Dichte. Der "Taschengarten" wurde vermutlich nicht lange vor den Aufnahmen vollendet, und er nahm - das hat Celibidache immer wieder berührend geschildert - seinen Ausgangspunkt im Finden und Erfinden musikalischer Gestalten zusammen mit Kindern. Jeden Satz habe er auch als tönende Widerlegung einer akademischen Kompositionsregel geschrieben - was an sich kein Verdienst wäre und weder hörend sich aufdrängt noch ohne weiteres postum bewiesen werden könnte. Als Ganzes ist der "Taschengarten" eine äußerst vielfarbige und gest(alt)enreiche, märchenhafte Suite, deren erste Hälfte sehr kontrastreich verläuft, um dann naturhaft-geheimnisvoll ins Zentrum zu gelangen: die Suche nach dem entlaufenen Igel, das aller ambitionierten Zeitgenossenschaft abhanden gekommene, im Ursinne gemütliche "Grüne Gebet" und die Rückkehr des Igels mit Gefährtin. Auf ins neue Leben! Kunst hat, so Celibidache, keinen Sinn als den der Befreiung; alles andere ist lediglich Beitrag zur Kunstgeschichte, Anhäufen von Denkmälern. Den "Taschengarten" hat er in diese Welt entlassen als Ein- ladung in eine andere Welt, die nur dem zugänglich ist, der sich ein kindliches Gemüt bewahrt hat und nicht der materialistischen Allianz aus Denken und Herrschen, aus List und Lust aufgesessen ist, denn: "In jedem Stück dieser Platte steckt eine verbotene Frucht, grün und sauer wie die vom Obstgarten des Nachbarn, die euch so gut schmecken und die die Ahnungslosen reifen lassen. Überlasst den Großen die Sorge, herauszufinden, was nicht schön ist an dem, was wir schön finden."

Christoph Schlüren (Fono Forum August 2002)

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