Der 1966 gestorbene große Außenseiter unter den Dirigenten exisitiert heute im Bewusstsein der meisten Musikfreunde als der gesetzte Bruckner-Guru mit den langsamen Tempi - dem Bild entsprechend, das die überwiegend aus seinen späten Münchner Jahren stammenden Filmdokumente vermitteln. An den fanatischen Feuerkopf, der im Nachkriegsberlin Furore machte, oder den "introvertierten Tänzer" der dank seiner einzigartigen Mischung von Expressivität, Eleganz und Subtilität von der "FAZ" 1967 als eine der faszinierendsten Erscheinungen auf dem Konzertpodium bezeichnet wurde, erinnern sich nur noch wenige. Da hilft ganz unverhofft das Labal Opus Arte unserem Gedächtnis auf die Sprünge mit einer Serie von Fernsehaufnahmen, die 1969 in Italien entstanden sind - ein wahrhaft sensationeller Fund, der hier erstmals auf DVD zugänglich gemacht wird.


Der künstlerische Ernst des Dirigenten, sein Charisma und seine unglaublich funktionelle Gestik, in der jedes Moment des Klanggeschehens seine Entsprechung fand, werden von diesen Schwarz-Weiß-Filmen anhand von unterschiedlichem Repertoir vergegenwärtig. Mozarts Es-Dur-Sinfonie ist von hinreißender Eloquenz und Agilität, Berlioz' "Symphonie fantastique" (die Celibidache später nur noch widerstrebend aufs Programm setzte) wird spannend bis zum frenetischen Finale gesteigert, und Bruckner Neunte - für ein italienisches Orchester sicher die größte Heruasforderung - hat schon viel von der Eindringlichkeit, die Celibidaches spätere Bruckner-Aufführungen auszeichnete. Gewiss gehörten die Rundfunkorchester von Turin und Mailand, mit denen Celibidache damals neben seinen Verpflichtungen in Skandinavien regelmäßig arbeitete, nicht zur internationalen Elite, doch gelang des dem großen Orchestererzieher, den Musikern einen tieferen Zugang zu den Werken zu vermitteln und sie zu musikalischen Höchtsleistungen zu führen.

Eine zeitliche Klammer um die Turiner Aufnahmen legt eine Veröffentlichung von EuroArts, die Celibidache am Pult des Radio-Sinfonieorchester Stuttgart zeigt, dem er viele Jahre lang als künstlerischer Leiter verbunden war. Hier erleben wir Celibidache 1965 sprühend vor Temperament in Probe und Aufführung von Strauss' "Till Eulenspiegel" und 17 Jahre später mit einer unübertrefflich differenzierten und in der Gesamtanlage bezwingenden Aufführen von Rimskij-Korsakows "Scheherazade". Während wir bedauern, dass damals die Idee der Dirigentenkamera noch nicht geboren war, fällt uns das Wort eines Kritikers ein; "Man weiß, dass man kein solches Konzert gehört hat, seit - ja seit man eben Celibidache das letzte Mal hörte."

Peter T. Köster in FonoForum 11/2007

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